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Russische Orthodoxe Kirchenstiftung |
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Die Russische Orthodoxe Kirche auf dem Neroberg in Wiesbaden
Geschichte. Die Russische Orthodoxe Kirche auf dem
Neroberg in Wiesbaden -fälschlich auch "Griechische Kapelle" genannt
- wurde in den Jahren 1848 bis 1855 als Grabkirche für die jung verstorbene
nassauische Herzogin und russische Großfürstin Elisabeth Michajlowna erbaut.
Sie war die Nichte der Zaren Alexander 1. und Nikolaus I. Mit 18 Jahren heiratete
sie am 31. 1. 1844 in St. Petersburg Herzog Adolf von Nassau. Nach einer dreiwöchigen
Reise aus St. Petersburg zurückgekehrt, hielt das herzogliche Brautpaar am 26.
3.1844 einen triumphalen Einzug in Wiesbaden. Bis heute bewahrt die Landesbibliothek
Wiesbaden einen reichen Schatz an Festgedichten, Festprogrammen und anderen
Gelegenheitsschriften, die von der freudigen Aufnahme des jungen Paares durch
die Bevölkerung zeugen. Das Paar residierte im Schloß Biebrich am Rhein.
Kaum ein Jahr nach der Hochzeit starb die Herzogin am 28.
1. 1845 bei der Geburt ihres ersten Kindes. Auch das Kind, ein Töchterchen,
überlebte die Geburt nicht. Da sich in Wiesbaden zu jener Zeit kein würdiger
Platz für die Beisetzung der russischen Großfürstin fand - ihre Gebeine durften
nur an einer nach orthodoxem Ritus geweihten Stätte ruhen, wofür die russische
Gesandtschaftskapelle in der Rheinstraße ungeeignet war - lag der Gedanke nahe,
eine eigene Grabkapelle zu erbauen. Die finanziellen Mittel für einen repräsentativen
Bau waren durch die reiche Mitgift, ein Geschenk des Zaren für seine Nichte,
gesichert. Die ca. 1 Million Rubel umfassende Mitgift, die nach dem Tode der
Großfürstin verblieb, wurde auf den frommen Wunsch des Herzogs Adolf von Nassau
hin und nach dem Willen des Zaren Nikolaus I. zum Bau der Kirche verwendet.
Baugeschichte. Ein erster Entwurf zum Bau der Kirche wurde abgelehnt, da er dem russischen sakralen Baukanon nicht entsprach. Danach wurde die Planung dem nassauischen Baumeister Philipp Hoffmann übertragen. In den Jahren 1846/47 machte sich Hoffmann in Rußland mit der zeitgenössischen sakralen Baukunst vertraut.
Besonderen Eindruck machte auf ihn die damals noch im Bau befindliche Erlöserkirche im Zentrum Moskaus. Dieses Bauwerk wurde in den Jahren 1839-1880 als Denkmal für die Helden des Vaterländischen Krieges von 1812 errichtet. Es umfaßte einen Raum von 6700 m2, hatte eine Höhe von 103 m, und bot Raum für 10 000-12 000 Menschen. Die berühmtesten russischen Maler und Bildbauer des 19. Jahrhunderts wirkten an der Gestaltung dieses großartigen Bauwerkes mit, das nach einem Projekt des berühmten Akademiemitglieds K. Thon entstand. Im Jahre 1931 wurde diese das Stadtbild Moskaus beherrschende prachtvolle Kirche auf Befehl der sowjetischen Machthaber gesprengt und abgetragen. Bei der vorangegangenen Entweihung war das im wesentlichen durch Spenden des russischen Volkes finanzierte Gotteshaus seiner Kostbarkeiten beraubt worden. Allein von den Kuppeln wurden -nach einer besonderen Methode, die auch bei anderen Kirchen Anwendung fand - 422 kg Gold abgewaschen. Der an dieser Stelle geplante "Palast der Sowjets" konnte jedoch nicht gebaut werden. Geologische Expertisen zeigten, daß der Boden keinen größeren Bau tragen würde. Über 25 Jahre blieb die mit einem hohen Zaun umgebene Baugrube leer, bis Chruschtschow hier ein beheiztes Schwimmbad einrichten ließ.
Die Russische Orthodoxe Kirche in Wiesbaden wurde weitgehendst von der berühmten Erlöserkirche in Moskau inspiriert. Damit ist sie heute ein einmaliges architektonisches Denkmal und zugleich ein Mahnmal, das von der grausamen Kirchenverfolgung und der damit verbundenen kulturellen Barbarei des militant atheistischen Kommunismus zeugt.
Die Baupläne Hoffmanns fanden die sofortige Zustimmung des Herzogs. Nach siebenjähriger Bauzeit wurde die Grabkirche am 25.05.1855 feierlich eingeweiht, und schon in der folgenden Nacht wurden die Särge der Großfürstin und ihrer Tochter in einem Fackelzug unter großer Anteilnahme der Wiesbadener Bevölkerung auf den Neroberg überführt.
Baubeschreibung. Für den Bau der Kirche in Wiesbaden wurde das Waldgebiet auf dem Neroberg ausgewählt. Dieses Gelände erhebt sich hoch über der Stadt und ist vom herzoglichen Schloß Biebrich aus gut sichtbar. Die hellen Sandsteinmauern stehen in einem angenehmen Kontrast zum dunklen Grün des Taunuswaldes. Die von vielen Stellen der Stadt aus deutlich erkennbaren fünf vergoldeten Kuppeln ziehen die Aufmerksamkeit der Bevölkerung und der Besucher Wiesbadens an. Über den Kuppeln erheben sich ebenso vergoldete russische Kreuze, die durch schwere Ketten gesichert werden.
Kunstgeschichtlich zählt die Kirche zu den Denkmälern romantischer
Baukunst in Nassau, doch ihre sakrale Bestimmung in Verbindung mit der russischen
Bautradition verleihen ihr ein ganz spezifisches Gepräge. Dem Betrachter fällt
auf, daß die Kirche zwei gleichrangige Eingänge besitzt (Südseite und Westseite).
Über dem Hauptportal an der Westseite der Kirche befindet sich ein Medaillon,
aus grauem Sandstein gemeißelt, welches den Kopf der hl. Helena darstellt (ausgeführt
von Prof. Hopfgarten). Über dem Südportal ist ein ebensolches Medalllon angebracht,
den Kopf der hl. Elisabeth darstellend. In dem Medaillon über dem Altarfenster
ist das Bildnis des hl. Erzengels Michael. Der Südeingang war ausschließlich
den herzoglichen Herrschaften vorbehalten. Für das gläubige Volk ist der westliche
Eingang bestimmt, der dem Altar gegenüberliegt.
Auf der Nordseite befindet sich ein halbrunder Anbau, der im Inneren der Kirche eine tiefe Nische bildet. An dieser Stelle steht ein Sarkophag aus carrarischem Marmor. Auf dem Sarkophag befindet sich die liegende Figur der Großfürstin Elisabeth. Auf seinem Sockel stehen die Figuren der zwölf heiligen Apostel, in den ausgewölbten Ecken sind weibliche Figuren zu sehen, welche Glaube, Hoffnung, Liebe und Unsterblichkeit symbolisieren. Der siebeneckige Raum, in welchem der Sarkophag Aufnahme findet, erhält sein Licht von oben. Wertvoller Marmor verkleidet den gesamten Innenraum der Kirche. AuBer dem weißen carrarischen Marmor fand hier braunroter deutscher Marmor, grauer Marmor aus Schweden, elfenbeinfarbener aus Rhodos und schwarz-weiß geäderter aus Ägypten Verwendung.
Nach kirchlicher Tradition sind auch orthodoxe Gotteshäuser
den Osten ausgerichtet, daher wird der Blick des durch den Westeingang eintretenden
Besuchers sogleich auf die aus weißem Marmor gearbeitete Ikonostase (Ikonenwand)
gelenkt. Hinter ihr verbirgt sich der Altarraum. Dieser ist dem alttestamentlichen
"AIlerheiligsten" nachempfunden. Diese Grundstruktur wird im neutestamentlichen
Bewußtsein erweitert durch die Erfahrung jenes Raumes, in dem unser Herr Jesus
Christus mit seinen Jüngern das Heilige Abendmahl feierte. In Nachfolge der
hl. Apostel bringen hier die Priester das unblutige Opfer, das Sakrament des
Leibes und Blutes Jesu Christi, dar.
Die in der Mitte der Ikonostase befindliche Königspforte öffnet sich nur zu bestimmten Augenblicken des Gottesdienstes. Dadurch wird der mystische Charakter des Altarraumes für den Gläubigen bewahrt. Die Bezeichnung "Königspforte" rührt daher, daß der "König der Könige" durch diese Pforte seinen Einzug hält und hier sich auch den Gläubigen im Sakrament Seines Leibes und Blutes spendet. Die Königspforte ist aus Holz geschnitzt und vergoldet. Sie trägt die ikonographische Darstellung der Verkündigung - links den Erzengel Gabriel, rechts die Gottesmutter Maria.
Nach einem festgelegten Kanon sind die übrigen Ikonen auf der Ikonenwand angeordnet. Rechts der Königspforte: Jesus Christus, auf der Seitentür: der Erzengel Michael (den Drachen besiegend); weiter zur Rechten die Schutzheilige der Kirche: die hl. Elisabeth, und schließlich der hl. Nikolaus. Links der Königspforte: die Gottesmutter mit dem Kinde; auf der Seitentür: der Erzengel Gabriel mit dem Palmzweig in der Hand; links davon: die hl. Kaiserin Helena mit dem von ihr aufgefundenen Kreuz Christi; zuletzt: die hl. Großmärtyrerin Katharina.
Über der Königspforte sehen wir die Darstellung des Hl. Abendmahls in der Kammer auf dem Berge Sion: Christus, umringt von Seinen Jüngern. Sie wird eingerahmt von den Ikonen der Verfasser der beiden am häufigsten gefeierten Liturgien: des hl. Johannes Chrysostomos (rechts) und des hl. Basilios des Großen (links). Weiter nach rechts schließen sich die Ikonen der hl. Maria Magdalena, des hl. Großfürsten Vladimir (der das russische Volk taufen ließ) und der hl. Kaiserin und Märtyrerin Alexandra an. Diesen Ikonen entspricht auf der Linken die Darstellung der hl. Anna, des hl. Kaisers Konstantin und des hl. Großmärtyrers Georg.
Die dritte Reihe der Ikonostase schmücken rechts und links die Bilder der Apostel Petrus und Paulus und in der Mitte die der Evangelisten Johannes, Markus, Lukas und Matthäus. Die Höhe der Ikonenwand ist charakteristisch für die russische sakrale Baukunst in ihrer späteren Entwicklung. Für den byzantinischen Stil dagegen ist eine wesentlich niedrigere Ikonostase typisch, in der sich die Ikonen in einer einzigen Reihe befinden.
Alle Ikonen in der Ikonenwand stammen von der Hand des Malers
Karl Timoleon von Neff, Professor an der Kaiserlichen Akademie der Künste in
St. Petersburg. Neff war auch derjenige, der die erwähnte Moskauer Erlöserkirche
sowie die St. Petersburger Isaaks-Kathedrale ausmalte.
Fresken zieren die Gewölbe. Es sind Arbeiten des Hofmalers Jakobi. Auf der Altarseite tragen die Zwickelfelder der Kuppel die Darstellungen der vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes mit ihren Symbolen Engel, Löwe, Stier und Adler. Die Abbildungen der Propheten Jesajas, Jeremias, Hesekiel und Daniel schließen den Kreis. In der Kuppelwölbung sehen wir zwölf Engelgestalten. Das in der Kuppellaterne sichtbare "Auge Gottes" ist nach dem traditionellen Kanon orthodoxer Ikonenmalerei ungewöhnlich; an dieser Stelle sollte eigentlich Christus der Pantokrator (Weltherrscher) dargestellt sein.
Unter westlichem Einfluß fanden auch plastische Darstellungen ihren Platz an den Wänden des Gotteshauses, so z. B. die Engelkinder und die aus weißem Marmor gemeißelten Engelstatuen, des Todesengels mit gesenkter Fackel und des Engels der Auferstehung, welche die beiden Eingangstüren krönen.
Nach orthodoxem Kanon völlig unzulässig sind die Medaillons der Maler und Bildhauer (in Augenhöhe). Links der südlichen Tür sehen wir den Kopf des Malers Neff, welcher sämtliche Bilder an der Ikonostase malte, rechts davon den des italienischen Bildhauers Malachini, welcher den carrarischen Marmor ausarbeitete. Der Kopf links an der Seitenwand stellt den nassauischen Bildhauer Leonhardt dar, welcher den nassauischen Marmor und den Engelkranz mit Rosen hoch oben an der Kuppel ausarbeitete. Rechts an der Seitenwand sieht man den Maler Hopfgarten jr. aus München, welcher die Malereien oben ausgeführt hat; der Kopf links an der Eingangstür zeigt Prof. Hopfgarten, welcher den Sarkophag sowie sämtliche Köpfe geschaffen hat. Rechts an der Eingangstür ist Architekt Oberbaurat Hoffmann aus Wiesbaden, der Erbauer der Kapelle, abgebildet.
Vor dem Ambo (erhöhter Platz vor dem Altarraum) sind einige Pulte aufgestellt, auf denen Ikonen zur Verehrung durch die Gläubigen ausgelegt sind. In der Mitte befinden sich, entsprechend den Darstellungen an der Ikonostase, die Ikonen des Erlösers und der Allerheiligsten Gottesmutter. Wenden wir uns nach rechts, so sehen wir eine große Ikone der Schutzpatronin der Kirche, der hl. Elisabeth mit ihrem Gatten, dem hl. Zacharias der mit dem Weihrauchfaß und in Gewändern des alttestamentlichen Hohenpriesters dargestellt ist (vgl. Lukas Kap. 1). Wie bekannt, sind dies die Eltern des hl. Johannes des Täufers. Rechts auf dem nächsten Pult liegt die Auferstehungsikone (traditionell als Höllenfahrt Christi), umrahmt von weiteren Darstellungen der zwölf Hochfeste der orthodoxen Kirche. Diese Ikone ist mit einem silbernen Oklad versehen. Auf der linken Seite schließen sich an die Ikone der Allerheiligsten Gottesmutter eine große Ikone des hl. Großfürsten Alexander von der Newa eines in Rußland sehr beliebten Nationalheiligen, und eine des hl. Nikolaus von Myra in Lykien an.
Neben dem Gedenktisch für die Verstorbenen steht eine Glasvitrine.
Sie überdeckt einen Sarg, auf dem - gewöhnlich verdeckt - ein Bild des Grablinnens
Christi liegt. Dieses wird am Karfreitag im Grablegungsgottesdienst in einer
Prozession feierlich um die Kirche getragen. Bis zum Osterfest liegt das Grablinnen
in der Mitte der Kirche zur Verehrung durch die Gläubigen aus. Diese Tradition
hat ihren Ursprung in Konstantinopel, wo sich das echte Grablinnen in den Jahren
944-1204 befand (heute liegt es in Turin).
Die Tür links neben dem Anbau mit dem Sarkophag der Großfürstin führt in die Krypta. Hier befindet sich unterhalb des Sarkophags die eigentliche Ruhestätte der Großfürstin und ihrer Tochter. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Krypta als Kirche eingerichtet, die von der Gemeinde im Winter benutzt wird.
Nach dem Anschluß des Herzogtums Nassau an das Königreich Preußen verließ die herzogliche Familie Wiesbaden. Dieser Familie entspringt das heutige großherzogliche Haus von Luxemburg. Der Unterhalt der Kirche sowie der Geistlichkeit wurde anteilig vom Außenministerium des Russischen Reiches und dem herzoglichen Hof von Nassau - späterhin von Luxemburg - bestritten.
Wie die in zwei Sprachen verfaßten Gedenktafeln an der Stirnseite des Kirchenschiffes bezeugen, stattete am 6./18. Oktober 1896 der spätere Märtyrer-Zar Nikolaus 11. mit seiner Gemahlin Alexandra Theodorowna, dem Großfürsten Sergius Alexandrowitsch, der Großfürstin Elisabeth Theodorowna und der Großfürstin Alexandra Josephowna der Wiesbadener Kirche einen Besuch ab. Um dieses Kleinod der Orthodoxie in Deutschland zu bewahren, kaufte er die Kirche mit dem umliegenden Wald (einschließlich des Friedhofs) aus Mitteln seiner persönlichen Kasse. So gehört die Hl.-Elisabeth-Kirche in Wiesbaden heute der Russisch-Orthodoxen Diözese des Orthodoxen Bischofs von Berlin und Deutschland - einem Teil der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland.
Umgebung. Geht man von der Kirche nach Osten, so trifft man im Wald, etwas höher gelegen, auf das Pfarrhaus das architektonisch der Kirche angepaßt ist. Säulen aus hellem Sandstein zieren die Portale, zu denen - wie bei der Kirche - rote Sandsteinstufen hinaufführen. Hier wohnte in den Jahren unmittelbar nach dem Bau der Kirche der Kastellan. Die Geistlichkeit wohnte damals in der Kapellenstraße.
Noch ein Stück weiter im Wald stößt man auf das Friedhofstor aus rotem Sandstein, über dem sich ein Kreuz in der charakteristischen russischen Form erhebt. Der Friedhof wurde ebenfalls bald nach dem Bau der Kirche errichtet auf Veranlassung der Mutter der verstorbenen Großfürstin Elisabeth, der Großfürstin Elena Pawlowna. Die Einweihung des Friedhofs fand am 19./31. August 1856 statt, wie eine Bronzetafel über der Tür der kleinen sechseckigen Friedhofskapelle anzeigt. Aufgrund der zunehmenden Zahl russischer Besucher in Wiesbaden in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts und einer entsprechenden Erhöhung der Zahl der Sterbefälle unter ihnen, bedurfte der Friedhof bald einer Erweiterung. Diese wurde in den Jahren 1863-1866 vorgenommen. Wurde die ursprüngliche Errichtung des Friedhofs aus Mitteln der persönlichen Kasse der Großfürstin und des Russischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten bestritten, so erfolgte die Erweiterung aus Kirchenspenden und Mitteln der Gemeinde. Der Friedhof wurde mit einer Steinmauer umgeben. Die letzte Erweiterung im Jahre 1977 fügte den 500 bis dahin vorhandenen Plätzen 200 neue hinzu.
Der Friedhof lag zunächst auf herzoglich-nassauischem Boden. Im Jahre 1864 ging er dann in den Besitz der Russischen Kirche über. Wegen der Unklarheiten über den juristischen Status der Gemeinde ließ der damalige Geistliche, Erzpriester Johannes Janyschew, den Friedhof auf seinen Namen eintragen. Heute bildet die Ruhestätte einen organischen Teil des zur Kirche gehörenden Waldstückes. Der ursprüngliche Grundriß des terrassenförmig angelegten Friedhofs bildete ein abgerundetes Kreuz. Auf den zumeist in russischer Sprache gehaltenen Inschriften der Grabdenkmäler finden wir nicht wenige Namen berühmter Persönlichkeiten, die in Politik und Kultur Rußlands und Deutschlands eine bedeutende Rolle spielten. So künden z. B. zwei große Steinplatten von dem hier beigesetzten Fürsten Georgij Alexandrowitsch Jurjewskij (1872-1913) und seiner Schwester Gräfin Olga Alexandrowna Mehrenberg geb. Prinzessin Jurjewskaja (1873-1925). Die beiden Geschwister waren Onkel und Tante des letzten russischen Kaisers, des Märtyrer-Zaren Nikolaus. Sie entsprangen einer großen Liebe des Zaren Alexander 11. und dessen zweiter Frau, der Fürstin Jurjewskaja. Die letztere hieß in Wahrheit Fürstin Dolgorukaja und entstammte einem Warägergeschlecht, das zu Beginn des 9. Jahrhunderts aus Schweden nach Nordrußland gekommen war. Der Fürst Jurij (mit Beinamen Dolgorukij, der Langarmige) wird im Zusammenhang mit der Stadt Moskau im Jahre 1147 zum erstenmal erwähnt. Die auf dem Wiesbadener Russischen Friedhof begrabenen Fürsten Georg und Olga nahmen auf Veranlassung des Zaren Alexander II. den Namen Jurjewskij an. Fürstin Olga heiratete den Grafen Mehrenberg, der der Sohn des Herzogs von Nassau war. Die Mutter des Grafen Mehrenberg war die Tochter des berühmten russischen Dichters Puschkin. An diesen Dichter erinnert ein weiteres Grabmal, unweit des eben genannten. Es ist die letzte Ruhestätte von Juliana Karlowaa Küchelbecker, geb. in St. Petersburg 1795, gest. in Paris 1869. Sie war die Freundin Puschkins, mit welchem sie durch ihren Bruder Karl Küchelbecker bekannt wurde. Dieser war einer der Führer des Dekabristenaufstandes (1825). Auch im gegenüberliegenden Westteil findet sich ein Grabstein der Familie Mussin-Puschkin.
Die alte Ostmauer des Friedhofs ziert eine große Mosaikdarstellung der Allerheiligsten Gottesmutter mit dem Christuskind, die sich über der Grabstätte der Fürstin Schachovskaja und der Gräfin Woronzow-Daschkow erhebt. Das Geschlecht der Woronzow-Daschkow gehörte zu den hervorragendsten Trägern der russischen Kulturgeschichte. Die Fürstin Katharina Daschkow war eine enge Vertraute der Zarin Katharina II. und maßgeblich am Aufbau der Russischen Akademie der Wissenschaften beteiligt. Als die gealterte Fürstin sah, daß ihre Familie wegen des Todes ihrer drei Kinder zum Aussterben verurteilt war, erwirkte sie die Erlaubnis, daß sich der Sohn Iwan von der Nebenlinie des Großkanzlers Woronzow und seine Nachkommen Woronzow-Daschkow nennen dürften. Dieser erste Graf Iwan Woronzow-Daschkow war der Vater der in Wiesbaden ruhenden Gräfin Katharina Iwanowna Woronzow-Daschkow. Dies sind nur einige Beispiele aus einer großen Zahl berühmter Namen. Viele dieser Namen spiegeln auch die besondere Bedeutung des Baltikums für die kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland wider.
Seit der Mitte dieses Jahrhunderts wird der Blick beim Betreten des Friedhofs auf ein großes weißes Grabmal gelenkt, unter dem der zur Gruppe "Der Blaue Reiter" gehörende berühmte Maler Alexej von Jawlensky und seine Gattin Helene Werefkin ruhen.
Einige der Geistlichen, die in Wiesbaden tätig waren, sind auch auf dem Friedhof beigesetzt. So etwa der langjährige Vorsteher der Gemeinde Protopresbyter Paul Adamantoff, der seit 1908 in der Gemeinde zunächst als Diakon und später - bis zu seinem Tode im Jahre 1960 - als Priester in der Gemeinde wirkte. Auch der Nachfolger, Erzpriester Alexej Pusanow, ruht hier. Sein Grab befindet sich unmittelbar neben der Kapelle aus rotem Sandstein, die über dem Grab des Erzbischofs Alexander steht, welcher zwanzig Jahre lang (1951-1971) Oberhaupt der Diözese von Berlin und Deutschland war. Auch einer seiner Vorgänger im Amt des Bischofs von Berlin und Deutschland (1938-1950), Metropolit Seraphim, - ein gebürtiger Deutscher - ruht auf dem Friedhof, und zwar auf dem neuen Teil.
Vom Leben der Gemeinde. Im Jahre 1844 gründeten russisch-orthodoxe Gläubige in der Kurstadt Wieshaden eine Hauskirche. Diese gehörte zur Russischen Gesandtschaft in Frankfurt und wurde zunächst von deren Priestern mitbetreut. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß die gehobene Schicht des russischen Bürgertums und die Aristokratie im Laufe des gesamten 19. Jahrhunderts, u. a. auf Empfehlung einer großen Zahl deutscher Ärzte in Rußland, ausgiebig von deutschen Kurorten Gebrauch machten. Aus diesem Grund entstanden in vielen Kurorten russische Kirchen, die zum größeren Teil noch heute bestehen, so etwa in Bad Homburg, Bad Ems, Bad Nauheim, Baden-Baden oder Bad Kissingen. Die Wiesbadener Hauskirche wurde nach dem Bau der Kirche auf dem Neroberg zunächst aufgelöst. Es zeigte sich aber bald, daß die große Steinkirche, trotz eines großen Ofens im Keller, nicht genügend zu beheizen war, waren doch die Besucher meist kranke und gebrechliche Menschen. Im Jahre 1861 wurde eine neue auch günstiger gelegene Hauskirche eingerichtet, für deren Ausstattung (Ikonostas, Altartisch usw.) nun wieder das Inventar der früheren Hauskirche Verwendung fand. Sie wurde, ebenso wie die große steinerne Kirche, der hl. Elisabeth geweiht. Die Hauskirche, die sich zunächst in der Kapellenstraße befand, wurde mehrmals renoviert und wechselte außerdem ihren Standort innerhalb der Stadt. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges befand sie sich in der Martinstraße. Von hier wurden die Einrichtungsgegenstände der Hauskirche in das Pfarrhaus verbracht, das zwischen der Hl.-Elisabeth-Kirche und dem Russischen Friedhof auf dem Neroberg steht.
Die prächtige Kirche auf dem Neroberg bildete natürlich
einen Anziehungspunkt nicht nur für orthodoxe Gläubige, sondern gab deutschen
und ausländischen Besuchern die Möglichkeit, einen Einblick in den orthodoxen
Gottesdienst zu gewinnen. Aus der Anfangszeit ihres Bestehens gibt es Berichte
von einem - für die Bedingungen des Auslands besonders feierlichen - Pontifikalamt.
1861 machte der Hochgeweihte Erzbischof Leontij, auf seiner Rückreise von der
Einweihung einer Kirche in Paris, mit Klerus und Chor in Wiesbaden Station und
zelebrierte zusammen mit drei Priestern und vier Diakonen auf dem Neroberg eine
Liturgie, bei der zwei Chöre sangen. Dem vierzehnköpfigen russischen Chor stand
ein deutscher Chor aus acht Sängern gegenüber. Handgeschriebene Noten des deutschen
Chores befinden sich noch heute in der Bibliothek der Kirche. Erzpriester Sergij
Protopopow, der 1887 nach Wiesbaden versetzt wurde, besorgte sogar eine Ausgabe
von Noten orthodoxer Kirchengesänge in deutscher Sprache. Noten aus verschiedensten
Perioden des Gemeindelebens in Wiesbaden zeugen davon, daß Deutsche im Chor
der Gemeinde mitsangen, was auch heute noch der Fall ist.
Bestand die Gemeinde zunächst aus wenigen in Wiesbaden ansässigen Russen und Orthodoxen aus dem Baltikum sowie vorübergehend in Wiesbaden weilenden Gästen, erhielt sie doch einen wesentlichen Aufschwung durch die Ereignisse des Ersten Weltkriegs und der bolschewistischen Revolution. Für die Emigranten, die ihr Heimatland aus politischen und religiösen Gründen verlassen mußten, bildete Wiesbaden mit seiner Russischen Kirche einen natürlichen Anziehungspunkt. Im Laufe der Jahre übersiedelten jedoch viele dieser Emigranten in die größeren Zentren, insbesondere Berlin und Paris, und in Wiesbaden verblieb nur eine kleine Schar Gläubiger.
In der Folge des Zweiten Weltkrieges sehen wir eine vergleichbare Entwicklung. Bereits während des Krieges wurden orthodoxe Gläubige als "Ostarbeiter" nach Deutschland verschleppt. Andere befanden sich als Flüchtlinge und Kriegsgefangene am Ende des Krieges in Deutschland. Die Zahl solcher DP's (displaced persons - wie sie von den westlichen Alliierten bezeichnet wurden) reichte trotz brutaler Zwangsrepatriierung noch in die Millionen. In dieser Zeit wurden die Gottesdienste auf dem Neroberg von zahllosen Gläubigen aus den umliegenden Lagern besucht, obwohl in diesen Lagern in der Regel eigene Barackenkirchen bestanden. Damals sang in der Kirche ein über 60köpfiger Kosaken-Chor.
Angesichts der ungewissen wirtschaftlichen und politischen Situation verließen die meisten jüngeren orthodoxen Flüchtlinge Deutschland, um in die U.S.A., nach Kanada, Australien oder Südamerika auszuwandern. Andere zogen innerhalb Deutschlands in Industriestädte, in denen sie Arbeit finden konnten. Heute ist die Gemeinde verhältnismäßig klein. Aber nach wie vor hat sie ein großes Einzugsgebiet. So kommen zu wichtigen Feiertagen Gläubige aus großen Entfernungen.Seit Bestehen der Hl.-Elisabeth-Kirche in Wiesbaden sind die hiesigen Geistlichen gleichzeitig für die russischen Kirchen in Bad Ems und Darmstadt verantwortlich.
Die Hl.-Alexandra-Kirche zu Bad Ems entstand in der Folge eines Besuches des Zaren Alexander 11. in Bad Ems, der dem bereits seit 1857 in Bad Ems bestehenden Komitee zur Sammlung von Spenden für den Bau einer eigenen Russisch-Orthodoxen Kirche den nötigen Aufschwung gab. Das 1873 gebildete Baukomitee begann schon ein Jahr später mit dem Bau, seit 1876 konnte die bisher provisorisch untergebrachte Gemeinde ihre Gottesdienste in einem eigenen Gotteshaus abhalten. Gottesdienste wurden hier nur im Sommer gehalten.
Die Kirche der Hl. Maria Magdalena in Darmstadt entstand in den Jahren 1897-1899 als Privatkapelle des Zarenhauses infolge der Eheschließung des Zaren Nikolaus II. mit Prinzessin Alix von Hessen. An Gedenktagen der Zarenfamilie hielt der Klerus aus Wiesbaden Gottesdienste. Im Bericht des Darmstädter Tagblatts über die Grundsteinlegung (vgl. Schnell, Kunstführer Nr. 1174 [1981] S. 4.) lesen wir: "Die Feier leitete der aus Petersburg zu diesem Zwecke hier eingetroffene Protopresbyter und Beichtvater Sr. Majestät von Janyscheff unter Assistenz des aus Wiesbaden dazu berufenen Erzpriesters von Protopopoff und des russischen Diakonus und Küsters Becker; die Gesänge wurden von dem russischen Kirchenchor aus Wiesbaden ausgeführt." Der hier erwähnte hochgebildete Protopresbyter Johann Janyschew war seinerzeit auch als Geistlicher in Wiesbaden tätig und später zeitweilig an verschiedenen russischen Gesandtschaftskirchen in Westeuropa, wo er maßgeblich dazu beitrug, die Orthodoxie westeuropäischen theologischen Kreisen zugänglich zu machen. In Kopenhagen erteilte er der dänischen Prinzessin Dagmar, der späteren russischen Kaiserin Maria Theodorowna, Religionsunterricht. Er war 1866-1883 Rektor der St. Petersburger Geistlichen Akademie und Professor für Moraltheologie und hielt bei der Bestattung F. M. Dostojewskijs (gest. 1881) die Grabrede. Seit 1883 war er der Beichtvater der Kaiserlichen Familie.
Priester Nikolai Artemoff
Literaturverzeichnis: 1. Russische Kirche auf dem Neroberg in Wiesbaden, Geschichtlicher Überblick und Beschreibung der Kirche, mit neun Aufnahmen, Eigenverlag des Kirchenvorstandes, ohne Ort und Jahr (Wiesbaden 1925). - 2. Bratskij Jezegodnik, Pravoslavnyje Cerkvi i russija ucrezdenila za graniceju, Izdanile Berlinskago Sv. Knjazja Vladimirskapo Bratstva. sostojascago pod Avgustejsim pokrovitel'stvom Jego Imperatorskago Vysodestva Velikago Knjazja Vladimira Aleksandrovica. Petrograd 1906. - 3. Vedomost' za 1911 god o nadgrobnoj (nad grobom v Boze pocivaluscej Blagovernoj Gosudarnyi Velikoj Knjagini Jelisavety Michajlovny, Gercogini Nassauskoj), v Visbadene, Cerkvi vo imja svjatyja pravednyja Jelisavety i o pricte sej cerkvi ohne Ort und Jahr (1912). - 4. Griechische Kapelle - Russische Kunst, Ausstellung der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden vom 1. 11. 1976 bis zum 26. 2. 1977. Idee, Organisation und Aufbau der Ausstellung: Stefanie Petrich und Wolfgang Podehl (mit weiterführendem Literaturverzeichnis). - 5. Razrusennyje i oskvernennyje chramy, Moskva i Srednaja Rossija, s posleslovijem "Predely vandalizma", Possev-Verlag, Frankfurt. 1980. - 6. Die Haub-Zais-Stiftung für Denkmalpflege in Wiesbaden 1975 - 1981 Text: B. Bubner Hrsg. Erich Haub-Zais-Stiftung etc., Wiesbaden April 1981. - 7. Der russische Friedhof in Wiesbaden und seine Toten, Schicksale unter Grabmälern, von Karl Hergert. In: Wiesbadener Tagblatt, 4./5. Februar 1939 in Forts. - &. Letzte Ruhe unterm Doppelkreuz, Wiesbadens russischer Friedhof wird größer: 190 neue Gräber. In: Wiesbadener Kurier, 8. Mai 1978. - 9. Klaus Gamber, Byzantinische Nachbildungen des heiligen Sindon Ein Argument für die Echtheit des Turiner Grablinnens. In: Der Fels, 13. Jahr Nr. 9, September 1982 S. 256 - 259.
Fotos: Pfarrarchiv Wiesbaden; alle anderen Verlag Schnell & Steiner (Kurt Gramer Bietigheim-Bissingen).
Schnell, Kunstführer Nr. 1432 Erste Auflage 1984
VERLAG SCHNELL & STEINER GMBH & CO MÜNCHEN UND ZÜRICH, D-8000 München 65, Postf 112
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32, Tel. +49-2224-9330-0, Fax +40-2224-9330-20, eMail: info@roka.germany.net , Spendenkonto: Postgiroamt München, Konto 130 18-808, BLZ 700 100 80 Verfasser: Priester Nikolai Artemoff, Bildnachweis: Pfarrarchiv Wiesbaden; alle anderen Verlag Schnell & Steiner (Kurt Gramer Bietigheim-Bissingen), Herausgeber: VERLAG SCHNELL & STEINER GMBH & CO MÜNCHEN UND ZÜRICH, D-8000 München 65, Postf 112, Schnell, Kunstführer Nr. 1432 Erste Auflage 1984 |