ORTHODOXE TAGUNG 2001  
  
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Die Orthodoxe Tagung, die vom 26. bis 28. Dezember 2001 an der Münchener Kathedralkirche der Heiligen Neumärtyrer und Bekenner Rußlands durchgeführt wurde, begann traditionsgemäß mit einem Bittgottesdienst. Unmittelbar danach hielt Erzbischof Mark den ersten Vortrag: “Über das Mysterium der  Buße und Beichte”. Dieses Thema interessiert alle, sowohl Geistliche als auch Laien, weshalb die Tagungsteilnehmer mit großer Aufmerksamkeit den Ausführungen ihres Oberhirten folgten und darin Antworten auf ihre Fragen und Zweifel suchten.

Zu Beginn des Vortrags lenkte der Bischof die Aufmerksamkeit der Hörer auf die historische Entwicklung, in der es lange Zeiträume gab, während deren die Buße und insbesondere die Beichte fast ganz aus dem leben der Christen verdrängt war, wie etwa im 18. - 20. Jh. In dieser Zeit hielt man es etwa in Rußland für gewöhnlich, wenn man einmal im Jahr beichtete und die Kommunion empfing. Eine solche Praxis herrschte bis vor Kurzem auch in Serbien oder Griechenland. Bei weitem nicht alle Priester hatten das Recht, die Beichte abzunehmen. Häufig verlieh man dieses recht nur Geistlichen im Alter über 50 Jahre oder Priestermönchen.

Im Laufe der vergangenen 30-35 Jahre war jedoch in allen Ortskirchen eine Rückkehr zu den Wurzeln zu verzeichnen, in deren Verlauf auch die Bedeutung der Beichte wieder Beachtung fand. Wenn sich Christen von der häufigen Beichte entfernen, verlieren sie das Gefühl der Sündhaftigkeit. Viele legen sich nicht einmal darüber Rechnung ab, warum sie sündigen. Der sel. Metropolit Antonij Chrapovickij schrieb darüber: „Drei viertel, oder vielleicht neun zehntel unserer Sünden, Fehler und sogar Verbrechen geschehen deshalb, weil die Menschen nicht über ihre Worte und Taten nachdenken wollen, bevor sie etwas sagen oder tun“. Wer nicht an sich arbeitet, der weiß nicht, welche ungeheure Bedeutung für die Seele und für ein vernünftiges Leben es hat, wenn man sich wenigstens für eine Minute von der umgebenden Geschäftigkeit loslöst, und die Gedanken und das Gewissen darauf konzentriert, was der Herr von dir in den gegeben Umständen und im gegebenen Moment erwartet“.

Wären wir uns immer der Nähe Gottes bewußt, würden wir nicht sündigen. Es hilft auch, wenn man sich öfters daran erinnert, was die kirchlichen Kanones  hinsichtlich dieser oder jener Sünde sagen. Für Unzucht, z.B. wird man für sieben Jahre von der Teilnahme an den Heiligen Gaben ausgeschlossen, für Ehebruch auf 15 Jahre, für Übertretung des Fastens – 2 Jahre. Von Tränen begleitete Buße, Mildtätigkeit, eintritt in den Mönchsstand können diese Fristen verkürzen. In der Praxis wenden heutige geistliche Väter solche strengen Epitemien infolge des allgemeinen Verfalls der Moral unter Christen nicht an.

Buße, Vergebung der Sünden und Kommunion sind nur sinnvoll, wenn sie von der Entschlossenheit zur Überwindung des sündigen Zustandes getragen und begleitet sind. Solche Entschlossenheit hilft Wiederholungen einzuschränken und – vielleicht in der letzten Lebensminute – die Sünde endgültig zu überwinden.

Die Störung aller Fähigkeiten der menschlichen Seele in ihrem gefallenen Zustand behindert wahre Buße und richtige Beichte. Unter den häufigsten Problemen, von welchen Beichtende gequält werden, erwähnte der Bischof folgende:

1. Unglauben (tatsächlicher oder vermeintlicher, wenn jemand meint, er glaube nicht oder wenig). Unglaube ist mangelnder Wille, der vom Geist des Zweifels angesteckt ist. Dazu trägt die weltliche Erziehung bei. Wichtig ist, ob man glauben will oder nicht. Es hilft, sich Fälle der Heilung vom Unglauben aus dem Evangelium in Erinnerung zu rufen oder von Heilungen auf Grund großen Glaubens.

2. Zweifel an der Wahrhaftigkeit von Leib und Blut Christi. Wenn wir glauben, daß das Wort Gottes Fleisch angenommen hat, so müssen wir Seinen Worten trauen:  „Wer an Mich glaubt, der wird die Werke, die Ich tue, auch tun, und wird noch größere als diese tun; denn Ich gehe zu Meinem Vater“ (Jo 14, 12). Die unverständigen Protestanten glauben an die Wunder, die die Apostel gemäß der Apostelgeschichte vollbrachten, nicht aber an die, die in den Heiligenviten verzeichnet sind. „Wenn sie auch etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden“  – sagt der Herr im Evangelium (Mk. 16, 18) Im der Vita des hl. Ap. Johannes ist ein Fall beschrieben, der in der Hl. Schrift nicht verzeichnet ist: man wollte ihn mit Gift töten, doch dieses fügte ihm keinen Schaden zu.

3. Einbildung. Man muß zwischen wirklichem und vermeintlichem Unglauben und Zweifel unterscheiden. Dieses Laster haftet besonders intelligenten Menschen an: „solche Gedanken des Unglaubens entstehen in den Seelen zweiflerischer Menschen, die all ihre Gefühle gerne abtasten und von Angst erfüllt sind, irgendwo einen Fehler zu begehen, in irgend eine Angelegenheit nicht recht zu handeln“ (Metr. Antonij). Solche Einbildung wird oft begleitet von gotteslästerlichen Gedanken. Wenn es für einen Christen keinen ernsthaften Argumente gegen die Wahrheiten des Glaubens in seinen Überzeugungen gibt, dann soll er nicht meinen, er glaube nicht, selbst wenn es ihm mitunter so scheint, sonders er sollte ruhig beten. v4. Viele stört die Furcht, die Sünde einzugestehen, Scham vor dem Priester, besonders wenn sich die Sünden wiederholen. Sie sollten bedenken, daß der Priester selbst mit denselben Sünden zu kämpfen hat.

5. Furcht vor vergessenen oder unbemerkten Sünden. Wir müssen daran denken, daß wir in den Gebeten immer um Verzeihung der bewußten und unbewußten Sünden beten. Wenn wir zur Buße treten, müssen wir stets der Barmherzigkeit des Herrn eingedenk sein.

6. Verzweiflung ist eine geistliche Krankheit, die fast jeden Menschen zu irgendeiner Zeit erfaßt. Ihre Grundlage ist Kleinglaube oder Unglaube. Man hört auf die Eingebungen des Teufels, der glauben machen will, man sei ein so großer Sünder, daß es kein Erbarmen mehr gebe. Dagegen muß man immer die Rettung des bußfertigen Schächers halten, Zacchäus, die Ehebrecherin...

Der Verzweiflung liegt nach den Worten von Metropolit Antonij „Aufbegehren und Vorwurf gegenüber der Vorsehung zugrunde, daß sie mich in solche Sünde verfallen ließ. Vertreibe dieses boshafte Gefühl gegen Gott und die Menschen. Gib zu, daß du selbst an allem Schuld bist. Du hast dich den Einflößungen des Teufels und böser Menschen anheim gegeben und hast dich gehen lassen. Nicht Gott hat dich beleidigt, sondern du hast Gott vergrämt“.

7. Die Neigung zur Selbstrechtfertigung steht der Verzweiflung gegenüber, hindert jedoch genauso an fruchtbringender Buße. Sie wird durch die moderne Erziehung eingeimpft und geht häufig einher mit Sorglosigkeit und versteinerter Gefühllosigkeit. Selbstrechtfertigung grenzt an Kleinglauben. Man muß die Sünde hassen und bewußt den Kampf mit ihr aufnehmen. Die Predigt Christi wurde von den einen angenommen, von den anderen verworfen. Wer vom Geist der Selbstrechtfertigung beherrscht war, sich selbst als anständigen Mensch ansah, lehnte die Predigt von der Buße ab.

Mag der Herr dich rechtfertigen, aber nicht du selbst. Die Bereitschaft, sich zu beschuldigen anstatt anderer ist eine große Tugend. Der Selbstrechtfertigung leistet die Neigung des Menschen sich mit anderen zu vergleichen Vorschub. Es reicht daran zu denken, daß deine Tugend nicht solchen Versuchungen ausgesetzt war, wie die deines gefallenen Bruders. Überlege dir, daß dieser Mensch, über den du dich erhebst, in seinem Leben nicht die guten Einflüsse von Menschen oder Bücher oder die Gaben Gottes erhalten hat, die dir zuteil geworden sind, weshalb es ihm schwerer fiel den Verlockungen der Sünde zu widerstehen.

Der Hl. Simeon der neue Theologe sagte, daß man ohne viele Tugenden gerettet werden kann, niemand aber ohne den Geist der tränenreiche Buße für die Sünden und Freude über das Erbarmen Gottes gerettet worden ist.

Danach verharrte Erzbischof Mark kurz auf einer geistlichen Krankheit anderer Art, gegen die selbst ein gläubiger und frommer Mensch nicht gefeit ist.

In die geistliche Verblendung verfallen nicht selten sogar eifrige Asketen. Der Eifer gegenüber äußere Askese führt Menschen, die deren Bedeutung überschätzen, häufig zur Verblendung. Dies geschieht besonders leicht dann, wenn man ohne erfahrenen geistlichen Führer handelt. Es geschieht, daß jemand anfängt „Engel“ zu sehen, die mit ihm sprechen, daß er im Traum „Offenbarungen“ erhält, ein „Auserwählter Gottes“ zu sein meint u.ä.

Verblendung kann eine ganze Gemeinschaft ergreifen, eine Diözese – denken wir an die Verehrer des Namens Gottes auf dem Berg Athos, an die Gottesanbeter in Serbien zu Beginn des 20. Jh. u.ä. Auch in unserer Zeit gibt es in Rußland viele Menschen, die von dieser geistlichen Krankheit erfaßt sind.

Allgemeines Merkmal der Verblendeten ist ein Zustand der Unruhe und der Gereiztheit, wenn sie bloßgestellt werden.

Danach sprach der Bischof über solche Erkrankungen des Willens und des Herzens wie Zorn, Ehrgeiz und Stolz. Der Glaube an sich zwingt den Menschen nicht zu guten Werken, wenn er sich nicht in zwei Gebieten des geistlichen Kampfes und der Askese übt: dem Widerstand gegen sich selbst und der Selbstüberwindung. Der Herr schenkte uns den Zorn zum Kampf gegen die Sünden und Dämonen, wir aber wenden ihn gegen den Nächsten.

Im Kampf gegen den Zorn ist es hilfreich, sich an die Worte des Psalmensängers zu erinnern: „mit denen, die den Frieden hassen, lebte ich in Frieden“

Zornlosigkeit und Sanftmut ist das Licht, das sich über unsere Umwelt ergießt.

Das Fehlen des Zorns und die Sanftmut des Herrn reizten die hoffärtigen Pharisäer, und gleichzeitig war die Sanftmut einer der Hauptgründe für die Verbreitung des Christentums: selig die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde erben  (Ps. 36, 11).

Wir müssen uns immer dessen bewußt sein, daß nach den Worten des Lieblingsschülers des Herrn derjenige, „der seinen Bruder haßt, der ist ein Mörder“. (1. Jo 3, 15).

Das wirksamste Heilmittel gegen den Zorn ist: um Verzeihung bitten. Wenn man sich nicht mit seinem Nächsten aussöhnt, sind alle Gebete vergebens. Sanftmut, Demut, Aussöhnung mit dem Nächsten werden von Stolz und Eitelkeit untergraben. Eitelkeit jagt menschlichem Ruhm und Berühmtheit nach, weshalb sie häufig lächerlich erscheint und dem Menschen Schande anstelle von Ruhm einbringt. Der Stolz ist gefährlicher. Er stellt einen feineren Zustand der Gewißheit der eigenen Würde und Errungenschaften dar und deren genüßliche Betrachtung, wobei der Mensch vergißt, daß all diese Errungenschaften Gottes Gaben sind. Um nicht in Stolz zu verfallen, muß man jeglichen Lob von sich weisen, um Verzeihung bitten und ohne zu murren Strafen und Bloßstellungen ertragen.

Zum Abschluß seines Vortrags wies Erzbischof Mark darauf hin, daß Epitemien, die vom Priester nach der Beichte der Sünden auferlegt werden, häufig falsch verstanden werden und Furcht erzeugen. Dazu muß man bedenken, daß der Beichtvater kein Richter ist, sondern dazu berufen, geistlicher Arzt zu sein. Deshalb verschreibt er eine Epitemie nicht als Strafe, sondern als Heilmittel. Leider ist unser kirchliches Bewußtsein von römisch-katholischen Verzerrungen vergiftet – die Katholiken glauben an einen strafenden Gott. Die Epitemie ist eine Medizin. Insbesondere ist der Ausschluß von der Kommunion keine Bestrafung, sondern eine Schutzmaßnahme für den Menschen, damit er nicht von dem Feuer verbrannt wird, welches man in den Heiligen Gaben empfängt. Der Beichtvater darf in sich nicht die geringste Verurteilung oder Überheblichkeit gegenüber dem Büßenden zulassen, sondern muß sich immer von Mitgefühl und Mitleid ihm gegenüber leiten lassen.

Nachdem Erzbischof Mark Fragen  zum  Thema der Buße beantwortet hatte, traten die  Tagungsteilnehmer in der Kirche, wo mehrere Priester vor, während und nach dem Abendgottesdienst die Beichte abnahmen, zu diesem heiligen Sakrament.

Der zweite Tag, Donnerstag der 27. Dezember, begann mit einem Morgengottesdienst, gefolgt von der Göttlichen Liturgie, bei der viele an der hl. Kommunion teilnahmen. Nach dem Frühstück hielt Erzpr. Anatolij Garmaev aus Zarizyn, wo er schon 8 1/2 Jahre lang der Katechese-Schule vorsteht, einen Vortrag. Vater Anatolij, ein erfahrener Pädagoge und Psychologe, Autor mehrerer Bücher, sprach auf Grund seiner Erfahrungen über die Hauptetappen der Verkirchlichung des heutigen Menschen. Wir bringen nachstehend eine Zusammenfassung seiner Ausführungen, die Vater Anatolij der Redaktion freundlicherweise zur Verfügung stellte.

“Die Etappen bei der Verkirchlichung des Menschen wurden von Isaak dem Syrer in drei Erkenntnisstufen unterteilt: die sündenbehaftete, die der natürlichen Tugenden und die der vollkommenen Tugenden.

Der hl. Feofan der Klausner nannte fünf Etappen für die Aneignung der Gnadengaben, der ehrw. Abba Dorotheos wiederum drei – die Stufen des Knechtes, des Taglöhners und des Sohnes. Und der selige Diadochos schrieb, daß “die Gnade ihre Gegenwart verbirgt und die wohlwollende Zustimmung der Seele erwartet, um dann durch ein unaussprechliches Gefühl ihre Gegenwart zu offenbaren und sich hernach wieder im Herzen zu verbergen und die Regungen der Seele zu erwarten.”

Für den heutigen Menschen eignet sich eine Unterteilung der Stufe der Sündhaftigkeit in drei Etappen, um zu erklären, was mit dem Menschen vor sich geht.

Die der Verkirchlichung vorangehende Phase des Unglaubens beruht auf  Selbstvertrauen, welches sich auf vergangene Erfahrungen stützt, auf der Selbstgewißheit, welche sich in Zukunftsplänen und selbstrechtfertigenden Gedanken äußert, die den Menschen des Gottesbewußtseins berauben. Alle drei haben eine Grundlage – den Stolz oder die Autonomie, die Selbstzufriedenheit.

Die Gnade, die den Menschen zu gewinnen sucht, erweckt auf verschiedene Weise den Glauben in ihm:

A. – durch das Überdrüssig-Werden an den Geschäften und Ereignissen des Lebens, wenn im Menschen um die dreißig-vierzig Jahre die jugendlichen Ausbrüche der Leidenschaften abnehmen;

B. – durch die Suche nach dem Sinn des Lebens oder durch außerordentliche Einwirkung, indem sie den Menschen schlagartig in eine lebendige Verbindung mit Gott versetzt;

C. – durch die Aufrechterhaltung des Glaubens im Menschen von seinen Kinder- und Jugendjahren an.

Auf das Erwecken des Glaubens folgt die erste Phase der Berufung durch die Gnade, die gewöhnlicherweise fünf Jahre dauert. Die Gnade bewirkt im Menschen ein immer stärkeres Verlangen nach mehr Wissen auf dem Gebiet des Glaubens und nach den aus ihm resultierenden Werken des Glaubens: a) Gebete, Gottesdienste, Sakramente, Fasten, b) Umgang mit den Nächsten gemäß den Geboten, c) Dienst in der Kirche.

Es ist nicht wünschenswert, daß der Gläubige sich in diesen fünf Jahren nach eigenem Gutdünken das kirchliche Leben aneigne. Unerläßlich sind für ihn die Hilfe und Führung sowohl im äußeren Leben durch: a) Aktivitäten, Programm der zu lesenden Bücher, b) Paten oder speziell innerhalb der Gemeinde beauftragte Leute mit Erfahrung im geistigen Leben, c) eine schrittweise Einführung des Anfängers in der Gemeinschaft oder Gemeinde in seine Aufgaben und Dienste, d) Gruppengespräche in fast häuslicher Atmosphäre mit dem Priester; –

als auch im inneren Leben, wo Bedarf ist an: a) Erlernung des Gebets, b) Vorbereitung zum Gottesdienst und Bewahrung der Aufmerksamkeit während des Gottesdienstes, c) Vorbereitung zu den Sakramenten, d) Befleißigung in den Geboten, Bemühung zur Selbsterkenntnis, e) Gewöhnung an das Fasten und Erfassung seines Sinnes, f) Erwerb einer geistlichen Führung.

Dabei sollte die Belehrung zum inneren Leben wünschenswerterweise mittels dreierlei Hilfestellungen erfolgen: regelmäßige Unterrichtung und Gruppengespräche mit dem Priester, natürliche Hilfe, die die Gemeinde bei ihren Arbeiten und Gottesdiensten bietet, und schließlich die individuelle Betreuung, die von den Paten oder speziell dazu ausersehenden Personen geleistet wird.

Dann kommt die zweite Phase, als Übergangszeit von der ersten (von der Gnade bewirkten) zur dritten (der eigentlichen Verkirchlichung). Eine verständige Mutter, stellt ihr Kleinkind, nachdem sie es einige Zeit auf den Armen getragen hat, schließlich auf seine eigenen Beine, damit es laufen lernt. Ebenso verbirgt sich dann auch die Gnade im Herzen des Menschen und überläßt ihn sich selbst. Er erkaltet im Gebet, sein Verlangen nach Gottesdiensten und Sakramenten wird geringer, er läßt im Fasten nach, liest nicht mehr das Evangelium und die Schriften der heiligen Kirchenväter. Gleichzeitig damit kann auch die Gewöhnung an das Kirchenleben, die “Verweltlichung” zunehmen.

Die Leidenschaften kommen wieder zum Vorschein, sie nehmen den Menschen in ihren Besitz und ziehen ihn wieder zu dem vergangenen, vorkirchlichen Leben zurück, zu einer Lebensweise, die schlimmer als die vorhergehende ist. So etwas passiert nicht nur mit Laien, sondern auch mit Priestern und Mönchen. Diese Phase kann bei einzelnen Leuten bis zu fünfzehn Jahren und länger dauern. Bei nicht wenigen währt sie gar bis zum Tode.

In dieser Zeit wird vom Menschen die freiwillige “Auszehrung” seiner Leidenschaften gefordert. Durch die Demut und den Gehorsam erschöpft sich der Stolz; durch die Bescheidenheit, die Einfachheit, einem am Gewissen und Pflichtgefühl orientierten Verhalten, dem Unabhängigsein von der Meinung anderer Leute erschöpft sich die Ruhmsucht; durch die Freigebigkeit, das Almosengeben und die Spendenbereitschaft erschöpft sich die Geldgier; durch das Gebet, den Gottesdienst, die Kontemplation und das Gottesgedenken, die geistliche Lesung, durch Gespräche über das Heil und die Werke der Barmherzigkeit erschöpft sich der Müßiggang; durch geistige Freundschaft, Einmütigkeit, Erbarmung erschöpft sich die Wollust; durch Anteilnahme an den Sorgen des Nächsten, eine friedliche Gesinnung, herzliches Entgegenkommen und Geduld erschöpft sich der Zorn; durch Hoffnung auf Gott, Gottesfurcht, Erinnerung an die Todesstunde und ein Märtyrerende als Teilnahme am Kreuzesleiden des Herrn erschöpft sich die Verzagtheit.

Solch einem Prozeß der Auszehrung der Leidenschaften stellen sich besondere Versuchungen in den Weg, die auf der falschen, trügerischen Vorstellung des Menschen von seinem eigenen Christseins und Fortschritt im kirchlichen Leben beruhen. Sechs von ihnen sind den Menschen von heute am häufigsten zu eigen: Lesen ohne Umsetzung in die Tat, emotionale Überschwenglichkeit, emotionale Stumpfheit, Verstandesbetontheit, fehlerhaftes Gewissen, Eigenwillen.

Die Überwindung des gefallenen Menschen in sich selbst während dieser sehr schwierigen und gefährlichen Phase (der Mensch kann in ihr hängen bleiben oder noch schlimmer in Leidenschaften verfallen) ist eine außerordentlich wichtige und notwendige Aufgabe. Sie kann bewältigt werden durch die folgenden Schritte zur Aufrechterhaltung des Glaubens: a) Einhaltung der Gebote was das Verhältnis zu Gott, dem Nächsten und sich selbst betrifft, b) Lesen des Evangeliums, des Psalters oder ihrer Auslegungen und die Betrachtung darüber, Lesen von Büchern über die Gottgefälligen unserer Zeit, über die Neumärtyrer Rußlands, c) durch lebendige Bekanntschaft mit dem Übergang vom irdischen Leben zum Jenseitigen (Besuch von Sterbenden, Begräbnisfeiern, Lesen des Psalters unmittelbar am Totenbett und überhaupt für Entschlafene), durch eschatologische Reflexionen (über das Ende der Zeiten), d) durch Werke der Wohltätigkeit, e) durch das Aufsteigen von einem Entgegennehmen von Belehrungen älterer und erfahrenerer Menschen zum Gehorsam bei Älteren und Erfahreneren und weiter zum Vermögen, den Segen des geistlichen Vaters zu empfangen und zu bewahren.

In dieser Phase ist eine weise und erfahrende Führung seitens des geistlichen Vaters geboten: a) mittels der auferlegten Ordnungen der Hinwendung zu Gott, zum Umgang mit dem Nächsten und mit sich selbst, b) durch die Auswahl und den Charakter der zu lesenden Bücher, c) durch die Aneignung von Gebeten, die Vorbereitung zu den Sakramenten und dem Gottesdienst, die richtige Einhaltung des Fastens, d) durch die Unterweisung in einem gottgefälligen Wandel in den verschiedenen Wechselfällen des Lebens.

Seitens der Gemeinschaft oder der Gemeinde sind erforderlich: a) das allgemeine Streben zur Eintracht (die Fähigkeit, die Tugenden im Nächsten zu erkennen und sich ihm mittels ihrer zuzuwenden), b) die Gemeinschaft mit echt kirchlichen Menschen als eine Kostbarkeit zu schätzen und sich von den pseudokirchlichen und antikirchlichen Leuten in der Kirche zu distanzieren, c) die Möglichkeit zwei/drei und viele Tage nacheinander dem Gottesdienst beizuwohnen, besonders in den Tagen des weihnachtlichen und des großen Fastens (erste, fünfte und Karwoche), während des Weihnachtsfastens die   Gläubigen zu den Gottesdiensten zusammenzurufen, die der Ordnung derer des Großen Fastens entsprechen (Halleluja-Gottesdienste), d) gemeinsamer Verbleib bei den Kirchenfesten, wo Gotteswort, Gotteslob und Nächstenhilfe vor dem Gottesdienst, während des Gottesdienstes und während der gemeinsamen Mahlzeit (Trapeza) geübt werden, und ebenso nach der Trapeza in Anstalten, wo die Gebrechlichen (Senioren, Kranke, Waisen) zusammenwohnen, e) Wohltätigkeit, gemeinschaftliche gegenseitige Hilfeleistungen, f) Sommerlager mit Familie und Kindern.

Es sollten verschiedene Arten des Dienstes, die der Erhaltung des Glaubens förderlich sind, angeboten werden: in der Kirche, in der Sonntags- oder orthodoxen Schule, in Sommerlagern, in Armenhäusern, Schwesternschaften und Bruderschaften.

Die dritte Stufe ist die eigentliche Verkirchlichung, die ebenfalls zehn bis fünfzehn Jahre dauern kann. Zu diesem Zeitpunkt vermag der Mensch bereits mit Seele und Geist mit der Gnade zusammenzuwirken, ihr entgegenzustreben, und empfindet mit der Zeit immer mehr ihre Mitwirkung bei seinen eigenen Bemühungen im inneren Leben, so daß er bei vielen Handlungen im Herzen sich auf ihre Beteiligung stützt.

Die vierte Phase nennt der hl. Theofan der Klausner die Stufe des wahren Christen. Hier lebt der Mensch vollständig in der Führung des Heiligen Geistes.

Die fünfte Stufe ist die des vollkommenen Christen. Hier bringt die Gnade selbst bis dahin im Menschen nicht vorhandene Tugenden in ihm hervor und führt ihn selbst zum Dienst der Kirche. Derart waren die Heiligen Serafim von Sarov, Sergij von Radone¡z und viele andere große Gottgefällige”.                          

Der Vortrag wurde mit großem Interesse aufgenommen. Vater Anatolij wurden viele Fragen gestellt. Der feine Humor des Vortragenden und die hervorragende Kenntnis der Psyche des post-sowjetischen Menschen, der zur Kirche kommt, trugen sehr zum Erfolg des Vortrags bei.

Natürlich darf man ein Schema und eine Methode nicht verabsolutisieren. Es ist ja kein Zufall, daß die heiligen Kirchenväter keine vollendete “Lehre der Verkirchlichung” geschaffen haben. Sie taten es nicht etwa, weil sie viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen wären, sondern deshalb, weil eine solche Lehre, gar noch eine vollständige, nicht nötig ist. Unser Herr Jesus Christus hat uns in Seiner heiligen Kirche etwas unvergleichlich Größeres hinterlassen, als eine Lehre oder eine Summe von Lehren, nämlich Sich Selbst, das ganze unergründliche Geheimnis Seiner gottmenschlichen Person. Die heiligen Väter hielten ihre Vernunft in Demut angesichts dieses Mysteriums. Schematisierung und Klassifizierung führen allzu leicht zu Vereinfachungen hinsichtlich der geistlichen Realitäten. Es genügt, die drei Stufen der Erkenntnis (Gnosis, Wissen), wie sie vom Referenten aus den Schriften des hl. Isaak des Syrers hervorgehoben wurden, mit den tiefen Einsichten des Heiligen, die dies betreffend von – wenn man sich so ausdrücken darf – “gnoseologischer Demut”  erfüllt sind.

Ebenso wie die anderen asketischen Väter, war auch der hl. Isaak am allerwenigsten ein strenger Systematiker. Die Wüstenväter, die ebenso wie die Mönchslehrer in den gemeinschaftlichen Klöstern “erfüllt von Mitleid und in Liebe zu ihren Söhnen” (Hl. Isaak d. Syrer, Wort 42) waren, haben uns ihre gottbegnadeten Worte als Anleitungen zum Heil hinterlassen. Die Erkenntnis (Gnosis) – hJ gnw`sii – ist beim hl. Isaak kein wissenschaftlicher Terminus. Daher wird die Erkenntnis manchmal dem Glauben entgegengesetzt (Wort 25), in anderen Fällen wird sie in drei Stufen aufgeteilt: die natürliche = fleischliche, die seelische und die geistliche (Wort 28); oder wiederum eine andere Unterteilung: die natürliche = die sich mit dem Emotionellen beschäftigende, die geistliche = die sich mit dem Unkörperlich-Geistigem beschädigende, und zuletzt die übernatürliche, die von Gottes Kraft geschenkt wird, wobei diese letzte “unerkennbar und höher als Erkenntnis ist” –sie ist “allein dem Glauben zum Erbteil gegeben” (Wort 29). Manchmal wird die seelische Erkenntnis der geistlichen entgegengesetzt, dann ist sie gleichbedeutende mit der natürlichen und fleischlichen (Wort 49); und zuguterletzt werden alle drei Formen der Erkenntnis der “Schau” entgegengesetzt, in der alles Wissen und Erkennen beseitigt wird, oder aber die Erkenntnis wird dem heiligen “Nichtwissen” entgegengesetzt, das “höchste Erkenntnis genannt wird” (Wort 16).

Über die Gründe einer solchen “unwissenschaftlichen” Verwendung der Terminologie in den kirchenväterlichen Schriften äußerte sich derselbe hl. Isaak in ganz vorzüglicher Weise: “Siehst du, wie die Väter die Bezeichnungen der geistlichen Dinge wechseln? Das liegt daran, daß die genaue Bedeutung der Bezeichnungen durch hiesige Gegenstände bestimmt werden, während es für die Dinge der künftigen Zeit keine echte und wahre Benennung gibt (...) So kommt es, daß die Väter dann, wenn die seelische Erkenntnis emporgehoben wird aus der sichtbaren Welt, zur Bezeichnung dessen je nach ihrem Gutdünken Bezeichnungen wählen, weil die genauen Bezeichnungen dafür niemand kennt” (Wort 16).

Es muß also stets mitbedacht werden, daß auch dann, wenn die Rede vom unkirchlichen, sündigen und ungläubigen Menschen ist, gerade eine solche Art “Ding der künftigen Zeit”, nämlich die unbeschreibbare und unergründliche Vorsehung Gottes Selbst, über ihm wacht bis zur letzten Minute seines Lebens und ein ewiges Geheimnis bleibt, indem sie gemäß den Ihm allein bekannten Ratschlüssen und verschiedenen Wegen, die in keinerlei Schema passen, den Menschen rettet. Ganz klar, daß nur im allereingeschränktesten Sinne einen Neubeginnenden der Taufpate oder ein speziell dafür abgestelltest und gesegnetes Mitglied der Gemeinde “leiten” kann, denn – nach der Beobachtung des Referenten selbst – befindet sich heutzutage die Mehrheit der Gemeindemitglieder, ebenso wie auch viele Priester und Mönche, selbst im “Übergangsstadium” (so qualifizierte Vr. Anatolij am Anfang seines Vortrags die Teilnehmer der Tagung), d.h. in einer leidenschaftlichen Verfassung, ob fleischlich oder seelisch. Gemäß den hl. Vätern kann nur ein Mensch andere geistliche zum Heil führen, der die Gabe der Unterscheidung hat, die geschenkt wird durch den Heiligen Geist auf den hohen Stufen der christlichen Entfaltung. Der Mangel an geisttragenden Lehrern, die schon im 19. Jahrhundert der hl. Ignatij (Brjan¡caninov) beklagte, ist eines der wichtigsten Probleme des heutigen kirchlichen Lebens. Es wäre völlig unpassend, Laien durch den Segen eines Gemeindepfarrers zu Ersatz-Starzen erheben zu wollen. Gefahr droht hier, bei unrichtigem Verständnis, nicht nur für den Neubekehrten, sondern auch dem “Lenker”: Für einen Menschen, der Leidenschaften in sich trägt, bedeutet das Belehren eines Anderen ein “entsetzliches Niederfallen der Seele aus ihrer Ordnung” (Abbas Jesaja, Paterikon).

Keinesfalls darf die äußere Organisation des Gemeindelebens (mit einem System “sozialer Aktivitäten” und konkreter pädagogischer Maßnahmen) zu einem Mangel an Wertschätzung für die “erzieherische Bedeutung” der Eucharistie beim Werk der Reinigung und Erleuchtung des Menschen und beim Aufbau der Kirche als dem Leib Christi führen. Entsprechend heißt es in dem, in diesem “Boten” abgedruckten Artikel des Erzpriesters und Professors der Athener Universität, Georgios Metallinos: “Die Göttliche Eucharistie sichert die Einheit des kirchlichen Lebens. Das ist die Botschaft des 1. Korintherbriefes (10, 15-17). Der eine Leib wird dort mit dem einen eucharistische Brot identifiziert: «Weil es ein einziges Brot ist, sind wir vielen ein einziger Leib; denn wir haben Anteil an dem einen Brot» (1. Kor. 10, 17)”. Darüber sprach auch am nächsten Tag (zum hl. Hieromärtyrer Eleutherios) der Erzbischof Mark in seiner Predigt am Ende der Göttlichen Liturgie, bei der fast alle Teilnehmer die Heiligen Gaben empfangen hatten: “Die heilige Kommunion –das ist unsere Erziehung!”

Die Probleme der Verkirchlichung wurden auch während des Mittagessens und am Nachmittag diskutiert. Viel Zeit wurde der schwierigen Frage der Verkirchlichung der Kinder in unserer Zeit gewidmet.

Am Samstag nach der Liturgie sprach Erzpriester Nikolai Artemoff zum Thema: “Über Gott den Sohn (nach dem hl. Gregor von Nazianz)”. Er gründete seinen Vortrag auf die dritte und vierte Rede aus den fünf theologischen Reden des hl. Gregors des Theologen, das ist das erste und zweite Wort, das eigens dem Gottessohn gewidmet ist. Aus dem umfassenden anderthalbstündigen Vortrag, der auch noch eine reiche Diskussion hervorrief, wollen wir nur einige Momente herausgreifen.

Der Referent merkte eingangs an, daß der so vertraute und in diesen Tagen häufig gehörte Gesang “Christus wird geboren, verherrlicht! Christus vom Himmel, begegnet! Christus auf Erden, erhebt euch! Singet dem Herrn alle Irdischen...” einfach die Anfangsworte der Predigt des hl Gregorios zum Weihnachtsfest sind (eine ausführliche Analyse des Einflusses der Predigten des hl. Gregor auf die Gesänge des Pfingstfestes wurde im “Boten” Nr. 3/1993 publiziert). Nachdem er den Einfluß des Heiligen sowie die Hauptereignisse seiner Biographie skizziert hatte, ging Vr. Nikolai zur Textanalyse über, indem er die kirchenväterlichen Ausführungen über das Verhältnis von Gott-Vater und Gott-Sohn nacherzählte und kommentierend erklärte, wie der hl. Gregorios uns zum Verständnis einer rechten Unterscheidung der zwei Naturen –der göttlichen und der menschlichen – in der einen Person Christi führt. Die Vereinigung der beiden Naturen hatte ein klares Ziel: die Rettung des Menschen, sein Heil. Um dieses Heiles willen nahm Christus die menschlichen Schwächen auf Sich, aber auf den gleichen Gebieten erwies Er jeweils auch – zu unserer Rettung –Seine göttliche Macht.

Es wurde darauf hingewiesen, daß der Kirchenvater Christus den Erlöser für die wahre Sophia (Weisheit Gottes) hielt. Die Schriftworte, in denen die personifizierte Weisheit sagt, sie sei “geschaffen” als ein “Werk” Gottes (Spr 8, 22), bezog der hl. Gregorios daher auf die Menschwerdung des Sohnes Gottes, da der Gottessohn zu einem Geschöpf wurde, indem er Fleisch und Mensch wurde. Unter Beachtung dessen, daß die ganze göttliche Dreiheit daran teilnahm, kann man sagen, daß Er Sich Selbst gebildet hat, wobei diese Schöpfung in der Zeit ihr Ziel und ihre Ursächlichkeit hatte: “Was ist der Grund dafür, daß Gott um unseretwillen die Menschheit annimmt? – Damit wir alle gerettet würden.” Aber die Gottheit hat keine Ursache, denn es gibt keine Ursache, die ursprünglicher wäre als Gott. Und diese andere Seite wird in der Bibel an der gleichen Stelle ausgesprochen durch dieselbe Weisheit, den Logos, das Wort und den Sohn Gottes, nämlich dort wo im Zusammenhang mit mehrfachem deskriptiven “vor ... als noch nicht ... bevor... vor ...“ das Verbum “geboren” (“gezeugt”) verwendet wird (Spr 8, 25). Dieses zweite weist auf das Geborensein vom Vater “vor allen Zeiten”, während das erste (“geschaffen” werden) von der Fleischwerdung in der Zeit, in der menschlichen Geschichte spricht. Hierbei zeigte der Referent an verschiedenen Beispielen, daß das Wort Gott keinesfalls mit dem Wort “Vater” gleichzusetzen ist, da die Bezeichnung “Gott” durchaus die göttliche Natur Christi bedeuten kann und, zugleich, zur gesamten Dreiheit, da die Natur des dreieinigen Gottes sich von der Natur von Gott-Christus nicht unterscheidet. Eine unrichtige Zerteilung in dieser Frage wirkt auch vernichtend auf das Verständnis der Heiligen Schrift. So heißt es hinsichtlich der Fleischwerdung Christi in der Schrift: “Gott hat ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht” (Apg 2, 36). Viele werden glauben hier sei vom Wirken des Vaters die Rede. Aber der hl. Gregorios weist diesbezüglich auf das Wirken Gottes des Sohnes, indem er sagt: “Denn dies geschah, sowohl durch das Wirken des Geborenen, als auch durch das Wohlgefallen des Erzeugers”. Es wurde immer deutlicher, wie genau in der Bibel die Worte verwendet werden. Was die Auferstehung Christi betrifft: gemäß der Fleischwerdung geschieht auch die Auferstehung. Und wenn derselbe hl. Apostel Petrus wiederum sagt: “Gott hat Seinen Knecht auferweckt” (Apg 3, 26) und “Gott hat Ihn von den Toten auferweckt” (Apg 3, 15), dann sollte man nicht denken, daß hier die Rede sei von einer separaten Handlung Gottes des Vaters. Christus auferstand aus eigener Macht als Gott, indem er Seinen menschlichen Leib auferweckte. Aber dieses Wirken des Sohnes geschah unter dem Wohlgefallen des Vaters. Ebenso genau drückt sich der hl. Apostel Paulus aus, wenn er sagt, daß “Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde” (Röm 6, 4). Die Herrlichkeit (doxa), die die ungeschaffenen Energien der ganzen Gottheit bezeichnet, ist dreiheitlich, der Name Christus (Gesalbter) enthält seinerseits das Wirken der göttlichen (salbenden) Natur auf die menschliche Natur Jesu, die die Salbung empfängt.

In diesem Zusammenhang war die Interpretation einer Stelle im ersten Korintherbrief hochinteressant, wo die Rede ist gewissermaßen von einem “Ungehorsam” Christi bis zum Verschwinden des Todes, bis zum Endgericht und der Offenbarung des Königreiches Gottes (1 Kor 15, 27-28). Diese schwierige Stelle bedarf der Auslegung und erklärt sich folgendermaßen: Der auferstandene und in die Himmel aufgefahrene Christus, der durch den Heiligen Geist Seine Kirche auferbaut, indem Er die Gläubigen zum Gottesgehorsam führt, schreibt Sich deren Ungehorsam zu, solange nicht Alles Gott dem Vater unterworfen ist: Ist aber einmal alles Ihm unterworfen, dann wird auch der Sohn Selber sich Dem unterwerfen, Der Ihm alles unterworfen hat... Hinsichtlich Seiner Gottheit kann beim Sohn, der ja über alles Geschaffene herrscht, keine Rede sein von “Gehorsam” oder “Ungehorsam”, weil diese Kategorien nur denen eignen, die unter einer Macht stehen. Aber insofern als der Sohn Gottes zum Menschensohn geworden ist, nahm Er unseren Ungehorsam auf sich, insofern als Er uns zur Kirche als Seinem Leib auferbaut. Solange also in der Kirche Menschen sind, die zum Teil gehorsam und zum Teil ungehorsam sind, eignet Er sich diesen Ungehorsam an. Der hl. Gregorios merkt an: “So macht Er also meinen Ungehorsam, da Er das Haupt des ganzen Leibes ist, zu Seinem Ungehorsam”. Ebenso wurde Christus für einen jeden von uns zum “Fluch”, wie er genannt wird, da es heißt: “Verflucht ist jeder, der am Holze hängt” (Gal 3, 13); und Er spricht, am Holze hängend, den Psalm 21 (westl. Zählung: 22), der mit den Worten beginnt: “Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!” Hierbei ging ja Christus nicht etwa Seiner göttlichen Natur verlustig, vielmehr “stellt Er uns dar in Seiner Person”, schreibt der hl. Gregorios. Bezugnehmend auf die nachfolgenden Worte in dem bei den Christen gebräuchlichen Übersetzungstext der Septuaginta (LXX, Ps. 21, 2-3: “Weit entfernt von meiner Rettung sind die Worte meiner Übertretungen (...) es sei nicht zur Torheit für mich”.) fährt der Kirchenvater fort:  “Er eignet Sich auch unseren Unverstand (Torheit) an und unsere Sündhaftigkeit (Übertretungen)”. Also spricht Christus diese Worte nicht “gemäß der Natur”, der einen, die Er als Gott gar nicht verlieren kann, und auch nicht der anderen, da Er sündlos ist und nicht entfremdet von Gott, sondern “gemäß der Aneignung”. In diesem Sinne schließt der hl. Gregorios: “Daher, solange ich ungehorsam und aufrührerisch bin durch meine Leidenschaften und dadurch, daß ich mich Gott entfremde, so lange heißt auch Christus – einzig wegen mir – ungehorsam”. Aber Christus erwirbt Sich in uns zugleich auch solche, die Ihn freiwillig als Herrn und König anerkennen, dann nämlich, wenn wir uns Ihm unterwerfen. Und zugleich: Obwohl es bis zum Ende der Welt solche geben wird, die sein Heil erwerben wollen sowie andere, die dies nicht wollen, ist Er doch schon jetzt und in alle Ewigkeit der König und Allherrscher. Jedoch erst dann, wenn der Sieg der unwidersprochenen Wahrheit bei der Verklärung der gesamten Welt sich offenbaren wird, dann wird es auch den “Ungehorsamen”, die sich der Wahrheit Christi widersetzen, unmöglich sein, weiter dagegen zu streiten, da sie allen völlig offenkundig sein wird – dann wird Christus Sich offenbaren als “Gott inmitten der geretteten Götter”, “dann hat auch Er, der mich als Geretteten herbeigeführt hat, Seinen Gehorsam erfüllt”. Was hierbei die oben besprochene Frage anbetrifft, wer denn eigentlich die Offenbarung des Reiches Gottes bewirkt, so wird dies ebenfalls dreiheitlich sein. Der Kirchenvater sagt dazu: “Es unterwirft aber sowohl der Sohn dem Vater, als auch der Vater dem Sohn, insofern als der Eine wirkt, und es dem Anderen wohlgefällt (wie zuvor bereits gesagt). Und auf diese Weise stellt der Unterwerfende das Unterworfene ‘Gott dar, indem Er unseren Gehorsam Sich aneignet”. Der hl. Gregorios verweist hierbei auf die Übereinstimmung der Schriftstellen beim hl. Apostel Paulus, der an einer Stelle sagt, es werde “Gott alles in allem sein” (1 Kor 15, 28), und an einer anderen eignet er es eindeutig Christus im Lichte des Reiches Gottes an, wo sein wird “alles und in allem Christus” (Kol 3, 11).

Auf diese Weise liefert nur die rechte Unterscheidung, die fähig ist die reiche Vielseitigkeit der Schriftworte in eins zu bringen, eine klare Antwort auf die Frage, in welchem Sinn unser Herr Jesus Christus gesagt hat “Der Vater ist größer als Ich” (Jo 14, 28), und warum unser Erlöser notwendig unterschied, als Er sprach: “Ich steige hinauf zu Meinem Vater und eurem Vater, Meinem Gott und eurem Gott” (Jo 20, 17).

Die Orthodoxie der Kirchenväter wirkte, wie sich erwies, belebend auf die Seelen der Zuhörer, so daß sich in der Diskussion die soteriologische (auf das Heil bezogene) Thematik weiterentfaltete, u.a. hinsichtlich der westlichen Auffassungen, mit denen die Teilnehmer des Treffens ständig in der einen oder anderen Weise in Berührung kommen.    

Zum Abschluß der Begegnung teilte Erzbischof Mark seine Ansichten über die gegenwärtige Situation in der Russischen Kirche mit, erklärte die Entstehungsgeschichte der Wirren um die Abdankung des ehemaligen Ersthierarchen, Metropolit Vitalij, und seine Sicht der Probleme zwischen der Russischen Auslandskirche und der Moskauer Patriarchie. Die Tagungsteilnehmer stellten viele Fragen (auch sehr brisante) und erhielten erschöpfende Auskunft von ihrem Oberhirten. An der Diskussion nahmen auch Bischof Agapit und Erzpriester Anatolij Garmajev teil.

Man kann mit Freude sagen, daß das gesamte Orthodoxe Treffen wie in einem Atemzug erlebt wurde, es wehte der Geist der Liebe und der echten Einmütigkeit, die in der Einheit des Gebetes und den kirchlichen Sakramenten geschöpft wurden.

Einen besonderen Dank richteten die Teilnehmer an die Schwesternschaft der Kathedralkirche, die so viel Sorge und Mühen trugen, um eine solche Menge Volk zu speisen – verglichen mit den Vorjahren war dieses Treffen zahlenmäßig das größte. Beschlossen wurde die Begegnung mit einem Dankmoleben, an dessen Ende alle das Kreuz küßten und mit wohlriechendem Öl gesalbt wurden, um in ihren herzen den Wohlgeruch des Gebetes und der Liebe in Christus nach Hause zu tragen.

Ein Teilnehmer.

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