Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen
Geistes.
Die Orthodoxe Tagung, die vom 26. bis 28. Dezember
2001 an der Münchener Kathedralkirche der Heiligen Neumärtyrer
und Bekenner Rußlands durchgeführt wurde, begann traditionsgemäß
mit einem Bittgottesdienst. Unmittelbar danach hielt Erzbischof Mark den
ersten Vortrag: “Über das Mysterium der Buße und
Beichte”. Dieses Thema interessiert alle, sowohl Geistliche als auch
Laien, weshalb die Tagungsteilnehmer mit großer Aufmerksamkeit den
Ausführungen ihres Oberhirten folgten und darin Antworten auf ihre
Fragen und Zweifel suchten.
Zu Beginn des Vortrags lenkte der Bischof die
Aufmerksamkeit der Hörer auf die historische Entwicklung, in der es
lange Zeiträume gab, während deren die Buße und
insbesondere die Beichte fast ganz aus dem leben der Christen verdrängt
war, wie etwa im 18. - 20. Jh. In dieser Zeit hielt man es etwa in Rußland
für gewöhnlich, wenn man einmal im Jahr beichtete und die
Kommunion empfing. Eine solche Praxis herrschte bis vor Kurzem auch in
Serbien oder Griechenland. Bei weitem nicht alle Priester hatten das Recht,
die Beichte abzunehmen. Häufig verlieh man dieses recht nur
Geistlichen im Alter über 50 Jahre oder Priestermönchen.
Im Laufe der vergangenen 30-35 Jahre war jedoch in
allen Ortskirchen eine Rückkehr zu den Wurzeln zu verzeichnen, in
deren Verlauf auch die Bedeutung der Beichte wieder Beachtung fand. Wenn
sich Christen von der häufigen Beichte entfernen, verlieren sie das
Gefühl der Sündhaftigkeit. Viele legen sich nicht einmal darüber
Rechnung ab, warum sie sündigen. Der sel. Metropolit Antonij
Chrapovickij schrieb darüber: „Drei viertel, oder vielleicht
neun zehntel unserer Sünden, Fehler und sogar Verbrechen geschehen
deshalb, weil die Menschen nicht über ihre Worte und Taten nachdenken
wollen, bevor sie etwas sagen oder tun“. Wer nicht an sich arbeitet,
der weiß nicht, welche ungeheure Bedeutung für die Seele und für
ein vernünftiges Leben es hat, wenn man sich wenigstens für eine
Minute von der umgebenden Geschäftigkeit loslöst, und die
Gedanken und das Gewissen darauf konzentriert, was der Herr von dir in den
gegeben Umständen und im gegebenen Moment erwartet“.
Wären wir uns immer der Nähe Gottes bewußt,
würden wir nicht sündigen. Es hilft auch, wenn man sich öfters
daran erinnert, was die kirchlichen Kanones hinsichtlich dieser oder
jener Sünde sagen. Für Unzucht, z.B. wird man für sieben
Jahre von der Teilnahme an den Heiligen Gaben ausgeschlossen, für
Ehebruch auf 15 Jahre, für Übertretung des Fastens – 2
Jahre. Von Tränen begleitete Buße, Mildtätigkeit, eintritt
in den Mönchsstand können diese Fristen verkürzen. In der
Praxis wenden heutige geistliche Väter solche strengen Epitemien
infolge des allgemeinen Verfalls der Moral unter Christen nicht an.
Buße, Vergebung der Sünden und Kommunion
sind nur sinnvoll, wenn sie von der Entschlossenheit zur Überwindung
des sündigen Zustandes getragen und begleitet sind. Solche
Entschlossenheit hilft Wiederholungen einzuschränken und –
vielleicht in der letzten Lebensminute – die Sünde endgültig
zu überwinden.
Die Störung aller Fähigkeiten der
menschlichen Seele in ihrem gefallenen Zustand behindert wahre Buße
und richtige Beichte. Unter den häufigsten Problemen, von welchen
Beichtende gequält werden, erwähnte der Bischof folgende:
1. Unglauben (tatsächlicher oder vermeintlicher,
wenn jemand meint, er glaube nicht oder wenig). Unglaube ist mangelnder
Wille, der vom Geist des Zweifels angesteckt ist. Dazu trägt die
weltliche Erziehung bei. Wichtig ist, ob man glauben will oder nicht. Es
hilft, sich Fälle der Heilung vom Unglauben aus dem Evangelium in
Erinnerung zu rufen oder von Heilungen auf Grund großen Glaubens.
2. Zweifel an der Wahrhaftigkeit von Leib und Blut
Christi. Wenn wir glauben, daß das Wort Gottes Fleisch angenommen
hat, so müssen wir Seinen Worten trauen:
„Wer an Mich glaubt, der wird die Werke, die Ich tue, auch tun, und
wird noch größere als diese tun; denn Ich gehe zu Meinem Vater“ (Jo 14, 12). Die unverständigen Protestanten
glauben an die Wunder, die die Apostel gemäß der
Apostelgeschichte vollbrachten, nicht aber an die, die in den Heiligenviten
verzeichnet sind. „Wenn sie auch etwas Tödliches
trinken, wird es ihnen nicht schaden“
– sagt der Herr im Evangelium (Mk. 16, 18) Im der Vita des hl. Ap.
Johannes ist ein Fall beschrieben, der in der Hl. Schrift nicht verzeichnet
ist: man wollte ihn mit Gift töten, doch dieses fügte ihm keinen
Schaden zu.
3. Einbildung. Man muß zwischen wirklichem und
vermeintlichem Unglauben und Zweifel unterscheiden. Dieses Laster haftet
besonders intelligenten Menschen an: „solche Gedanken des Unglaubens
entstehen in den Seelen zweiflerischer Menschen, die all ihre Gefühle
gerne abtasten und von Angst erfüllt sind, irgendwo einen Fehler zu
begehen, in irgend eine Angelegenheit nicht recht zu handeln“ (Metr.
Antonij). Solche Einbildung wird oft begleitet von gotteslästerlichen
Gedanken. Wenn es für einen Christen keinen ernsthaften Argumente
gegen die Wahrheiten des Glaubens in seinen Überzeugungen gibt, dann
soll er nicht meinen, er glaube nicht, selbst wenn es ihm mitunter so
scheint, sonders er sollte ruhig beten.
v4. Viele stört die Furcht, die Sünde
einzugestehen, Scham vor dem Priester, besonders wenn sich die Sünden
wiederholen. Sie sollten bedenken, daß der Priester selbst mit
denselben Sünden zu kämpfen hat.
5. Furcht vor vergessenen oder unbemerkten Sünden.
Wir müssen daran denken, daß wir in den Gebeten immer um
Verzeihung der bewußten und unbewußten Sünden beten. Wenn
wir zur Buße treten, müssen wir stets der Barmherzigkeit des
Herrn eingedenk sein.
6. Verzweiflung ist eine geistliche Krankheit, die
fast jeden Menschen zu irgendeiner Zeit erfaßt. Ihre Grundlage ist
Kleinglaube oder Unglaube. Man hört auf die Eingebungen des Teufels,
der glauben machen will, man sei ein so großer Sünder, daß
es kein Erbarmen mehr gebe. Dagegen muß man immer die Rettung des bußfertigen
Schächers halten, Zacchäus, die Ehebrecherin...
Der Verzweiflung liegt nach den Worten von Metropolit
Antonij „Aufbegehren und Vorwurf gegenüber der Vorsehung
zugrunde, daß sie mich in solche Sünde verfallen ließ.
Vertreibe dieses boshafte Gefühl gegen Gott und die Menschen. Gib zu,
daß du selbst an allem Schuld bist. Du hast dich den Einflößungen
des Teufels und böser Menschen anheim gegeben und hast dich gehen
lassen. Nicht Gott hat dich beleidigt, sondern du hast Gott vergrämt“.
7. Die Neigung zur Selbstrechtfertigung steht der
Verzweiflung gegenüber, hindert jedoch genauso an fruchtbringender Buße.
Sie wird durch die moderne Erziehung eingeimpft und geht häufig einher
mit Sorglosigkeit und versteinerter Gefühllosigkeit.
Selbstrechtfertigung grenzt an Kleinglauben. Man muß die Sünde
hassen und bewußt den Kampf mit ihr aufnehmen. Die Predigt Christi
wurde von den einen angenommen, von den anderen verworfen. Wer vom Geist
der Selbstrechtfertigung beherrscht war, sich selbst als anständigen
Mensch ansah, lehnte die Predigt von der Buße ab.
Mag der Herr dich rechtfertigen, aber nicht du selbst.
Die Bereitschaft, sich zu beschuldigen anstatt anderer ist eine große
Tugend. Der Selbstrechtfertigung leistet die Neigung des Menschen sich mit
anderen zu vergleichen Vorschub. Es reicht daran zu denken, daß deine
Tugend nicht solchen Versuchungen ausgesetzt war, wie die deines gefallenen
Bruders. Überlege dir, daß dieser Mensch, über den du dich
erhebst, in seinem Leben nicht die guten Einflüsse von Menschen oder Bücher
oder die Gaben Gottes erhalten hat, die dir zuteil geworden sind, weshalb
es ihm schwerer fiel den Verlockungen der Sünde zu widerstehen.
Der Hl. Simeon der neue Theologe sagte, daß man
ohne viele Tugenden gerettet werden kann, niemand aber ohne den Geist der
tränenreiche Buße für die Sünden und Freude über
das Erbarmen Gottes gerettet worden ist.
Danach verharrte Erzbischof Mark kurz auf einer
geistlichen Krankheit anderer Art, gegen die selbst ein gläubiger und
frommer Mensch nicht gefeit ist.
In die geistliche Verblendung verfallen nicht selten
sogar eifrige Asketen. Der Eifer gegenüber äußere Askese führt
Menschen, die deren Bedeutung überschätzen, häufig zur
Verblendung. Dies geschieht besonders leicht dann, wenn man ohne erfahrenen
geistlichen Führer handelt. Es geschieht, daß jemand anfängt
„Engel“ zu sehen, die mit ihm sprechen, daß er im Traum „Offenbarungen“
erhält, ein „Auserwählter Gottes“ zu sein meint u.ä.
Verblendung kann eine ganze Gemeinschaft ergreifen,
eine Diözese – denken wir an die Verehrer des Namens Gottes auf
dem Berg Athos, an die Gottesanbeter in Serbien zu Beginn des 20. Jh. u.ä.
Auch in unserer Zeit gibt es in Rußland viele Menschen, die von
dieser geistlichen Krankheit erfaßt sind.
Allgemeines Merkmal der Verblendeten ist ein Zustand
der Unruhe und der Gereiztheit, wenn sie bloßgestellt werden.
Danach sprach der Bischof über solche
Erkrankungen des Willens und des Herzens wie Zorn, Ehrgeiz und Stolz. Der
Glaube an sich zwingt den Menschen nicht zu guten Werken, wenn er sich
nicht in zwei Gebieten des geistlichen Kampfes und der Askese übt: dem
Widerstand gegen sich selbst und der Selbstüberwindung. Der Herr
schenkte uns den Zorn zum Kampf gegen die Sünden und Dämonen, wir
aber wenden ihn gegen den Nächsten.
Im Kampf gegen den Zorn ist es hilfreich, sich an die
Worte des Psalmensängers zu erinnern: „mit
denen, die den Frieden hassen, lebte ich in Frieden“
Zornlosigkeit und Sanftmut ist das Licht, das sich über
unsere Umwelt ergießt.
Das Fehlen des Zorns und die Sanftmut des Herrn
reizten die hoffärtigen Pharisäer, und gleichzeitig war die
Sanftmut einer der Hauptgründe für die Verbreitung des
Christentums: selig die Sanftmütigen, denn
sie werden die Erde erben (Ps. 36, 11).
Wir müssen uns immer dessen bewußt sein, daß
nach den Worten des Lieblingsschülers des Herrn derjenige, „der
seinen Bruder haßt, der ist ein Mörder“. (1. Jo 3, 15).
Das wirksamste Heilmittel gegen den Zorn ist: um
Verzeihung bitten. Wenn man sich nicht mit seinem Nächsten aussöhnt,
sind alle Gebete vergebens. Sanftmut, Demut, Aussöhnung mit dem Nächsten
werden von Stolz und Eitelkeit untergraben. Eitelkeit jagt menschlichem
Ruhm und Berühmtheit nach, weshalb sie häufig lächerlich
erscheint und dem Menschen Schande anstelle von Ruhm einbringt. Der Stolz
ist gefährlicher. Er stellt einen feineren Zustand der Gewißheit
der eigenen Würde und Errungenschaften dar und deren genüßliche
Betrachtung, wobei der Mensch vergißt, daß all diese
Errungenschaften Gottes Gaben sind. Um nicht in Stolz zu verfallen, muß
man jeglichen Lob von sich weisen, um Verzeihung bitten und ohne zu murren
Strafen und Bloßstellungen ertragen.
Zum Abschluß seines Vortrags wies Erzbischof
Mark darauf hin, daß Epitemien, die vom Priester nach der Beichte der
Sünden auferlegt werden, häufig falsch verstanden werden und
Furcht erzeugen. Dazu muß man bedenken, daß der Beichtvater
kein Richter ist, sondern dazu berufen, geistlicher Arzt zu sein. Deshalb
verschreibt er eine Epitemie nicht als Strafe, sondern als Heilmittel.
Leider ist unser kirchliches Bewußtsein von römisch-katholischen
Verzerrungen vergiftet – die Katholiken glauben an einen strafenden
Gott. Die Epitemie ist eine Medizin. Insbesondere ist der Ausschluß
von der Kommunion keine Bestrafung, sondern eine Schutzmaßnahme für
den Menschen, damit er nicht von dem Feuer verbrannt wird, welches man in
den Heiligen Gaben empfängt. Der Beichtvater darf in sich nicht die
geringste Verurteilung oder Überheblichkeit gegenüber dem Büßenden
zulassen, sondern muß sich immer von Mitgefühl und Mitleid ihm
gegenüber leiten lassen.
Nachdem Erzbischof Mark Fragen zum Thema
der Buße beantwortet hatte, traten die Tagungsteilnehmer in der
Kirche, wo mehrere Priester vor, während und nach dem
Abendgottesdienst die Beichte abnahmen, zu diesem heiligen Sakrament.
Der zweite Tag, Donnerstag der 27. Dezember, begann
mit einem Morgengottesdienst, gefolgt von der Göttlichen Liturgie, bei
der viele an der hl. Kommunion teilnahmen. Nach dem Frühstück
hielt Erzpr. Anatolij Garmaev aus Zarizyn, wo er schon 8 1/2 Jahre lang der
Katechese-Schule vorsteht, einen Vortrag. Vater Anatolij, ein erfahrener Pädagoge
und Psychologe, Autor mehrerer Bücher, sprach auf Grund seiner
Erfahrungen über die Hauptetappen der Verkirchlichung des heutigen
Menschen. Wir bringen nachstehend eine Zusammenfassung seiner Ausführungen,
die Vater Anatolij der Redaktion freundlicherweise zur Verfügung
stellte.
“Die Etappen bei der Verkirchlichung des
Menschen wurden von Isaak dem Syrer in drei Erkenntnisstufen unterteilt:
die sündenbehaftete, die der natürlichen Tugenden und die der
vollkommenen Tugenden.
Der hl. Feofan der Klausner nannte fünf Etappen für
die Aneignung der Gnadengaben, der ehrw. Abba Dorotheos wiederum drei –
die Stufen des Knechtes, des Taglöhners und des Sohnes. Und der selige
Diadochos schrieb, daß “die Gnade ihre Gegenwart verbirgt und
die wohlwollende Zustimmung der Seele erwartet, um dann durch ein
unaussprechliches Gefühl ihre Gegenwart zu offenbaren und sich hernach
wieder im Herzen zu verbergen und die Regungen der Seele zu erwarten.”
Für den heutigen Menschen eignet sich eine
Unterteilung der Stufe der Sündhaftigkeit in drei Etappen, um zu erklären,
was mit dem Menschen vor sich geht.
Die der Verkirchlichung vorangehende Phase des
Unglaubens beruht auf Selbstvertrauen, welches sich auf vergangene
Erfahrungen stützt, auf der Selbstgewißheit, welche sich in
Zukunftsplänen und selbstrechtfertigenden Gedanken äußert,
die den Menschen des Gottesbewußtseins berauben. Alle drei haben eine
Grundlage – den Stolz oder die Autonomie, die Selbstzufriedenheit.
Die Gnade, die den Menschen zu gewinnen sucht, erweckt
auf verschiedene Weise den Glauben in ihm:
A. – durch das Überdrüssig-Werden an
den Geschäften und Ereignissen des Lebens, wenn im Menschen um die
dreißig-vierzig Jahre die jugendlichen Ausbrüche der
Leidenschaften abnehmen;
B. – durch die Suche nach dem Sinn des Lebens
oder durch außerordentliche Einwirkung, indem sie den Menschen
schlagartig in eine lebendige Verbindung mit Gott versetzt;
C. – durch die Aufrechterhaltung des Glaubens im
Menschen von seinen Kinder- und Jugendjahren an.
Auf das Erwecken des Glaubens folgt die erste Phase
der Berufung durch die Gnade, die gewöhnlicherweise fünf Jahre
dauert. Die Gnade bewirkt im Menschen ein immer stärkeres Verlangen
nach mehr Wissen auf dem Gebiet des Glaubens und nach den aus ihm
resultierenden Werken des Glaubens: a) Gebete, Gottesdienste, Sakramente,
Fasten, b) Umgang mit den Nächsten gemäß den Geboten, c)
Dienst in der Kirche.
Es ist nicht wünschenswert, daß der Gläubige
sich in diesen fünf Jahren nach eigenem Gutdünken das kirchliche
Leben aneigne. Unerläßlich sind für ihn die Hilfe und Führung
sowohl im äußeren Leben durch: a) Aktivitäten, Programm der
zu lesenden Bücher, b) Paten oder speziell innerhalb der Gemeinde
beauftragte Leute mit Erfahrung im geistigen Leben, c) eine schrittweise
Einführung des Anfängers in der Gemeinschaft oder Gemeinde in
seine Aufgaben und Dienste, d) Gruppengespräche in fast häuslicher
Atmosphäre mit dem Priester; –
als auch im inneren Leben, wo Bedarf ist an: a)
Erlernung des Gebets, b) Vorbereitung zum Gottesdienst und Bewahrung der
Aufmerksamkeit während des Gottesdienstes, c) Vorbereitung zu den
Sakramenten, d) Befleißigung in den Geboten, Bemühung zur
Selbsterkenntnis, e) Gewöhnung an das Fasten und Erfassung seines
Sinnes, f) Erwerb einer geistlichen Führung.
Dabei sollte die Belehrung zum inneren Leben wünschenswerterweise
mittels dreierlei Hilfestellungen erfolgen: regelmäßige
Unterrichtung und Gruppengespräche mit dem Priester, natürliche
Hilfe, die die Gemeinde bei ihren Arbeiten und Gottesdiensten bietet, und
schließlich die individuelle Betreuung, die von den Paten oder
speziell dazu ausersehenden Personen geleistet wird.
Dann kommt die zweite Phase, als Übergangszeit
von der ersten (von der Gnade bewirkten) zur dritten (der eigentlichen
Verkirchlichung). Eine verständige Mutter, stellt ihr Kleinkind,
nachdem sie es einige Zeit auf den Armen getragen hat, schließlich
auf seine eigenen Beine, damit es laufen lernt. Ebenso verbirgt sich dann
auch die Gnade im Herzen des Menschen und überläßt ihn sich
selbst. Er erkaltet im Gebet, sein Verlangen nach Gottesdiensten und
Sakramenten wird geringer, er läßt im Fasten nach, liest nicht
mehr das Evangelium und die Schriften der heiligen Kirchenväter.
Gleichzeitig damit kann auch die Gewöhnung an das Kirchenleben, die “Verweltlichung”
zunehmen.
Die Leidenschaften kommen wieder zum Vorschein, sie
nehmen den Menschen in ihren Besitz und ziehen ihn wieder zu dem
vergangenen, vorkirchlichen Leben zurück, zu einer Lebensweise, die
schlimmer als die vorhergehende ist. So etwas passiert nicht nur mit Laien,
sondern auch mit Priestern und Mönchen. Diese Phase kann bei einzelnen
Leuten bis zu fünfzehn Jahren und länger dauern. Bei nicht
wenigen währt sie gar bis zum Tode.
In dieser Zeit wird vom Menschen die freiwillige “Auszehrung”
seiner Leidenschaften gefordert. Durch die Demut und den Gehorsam erschöpft
sich der Stolz; durch die Bescheidenheit, die Einfachheit, einem am
Gewissen und Pflichtgefühl orientierten Verhalten, dem Unabhängigsein
von der Meinung anderer Leute erschöpft sich die Ruhmsucht; durch die
Freigebigkeit, das Almosengeben und die Spendenbereitschaft erschöpft
sich die Geldgier; durch das Gebet, den Gottesdienst, die Kontemplation und
das Gottesgedenken, die geistliche Lesung, durch Gespräche über
das Heil und die Werke der Barmherzigkeit erschöpft sich der Müßiggang;
durch geistige Freundschaft, Einmütigkeit, Erbarmung erschöpft
sich die Wollust; durch Anteilnahme an den Sorgen des Nächsten, eine
friedliche Gesinnung, herzliches Entgegenkommen und Geduld erschöpft
sich der Zorn; durch Hoffnung auf Gott, Gottesfurcht, Erinnerung an die
Todesstunde und ein Märtyrerende als Teilnahme am Kreuzesleiden des
Herrn erschöpft sich die Verzagtheit.
Solch einem Prozeß der Auszehrung der
Leidenschaften stellen sich besondere Versuchungen in den Weg, die auf der
falschen, trügerischen Vorstellung des Menschen von seinem eigenen
Christseins und Fortschritt im kirchlichen Leben beruhen. Sechs von ihnen
sind den Menschen von heute am häufigsten zu eigen: Lesen ohne
Umsetzung in die Tat, emotionale Überschwenglichkeit, emotionale
Stumpfheit, Verstandesbetontheit, fehlerhaftes Gewissen, Eigenwillen.
Die Überwindung des gefallenen Menschen in sich
selbst während dieser sehr schwierigen und gefährlichen Phase
(der Mensch kann in ihr hängen bleiben oder noch schlimmer in
Leidenschaften verfallen) ist eine außerordentlich wichtige und
notwendige Aufgabe. Sie kann bewältigt werden durch die folgenden
Schritte zur Aufrechterhaltung des Glaubens: a) Einhaltung der Gebote was
das Verhältnis zu Gott, dem Nächsten und sich selbst betrifft, b)
Lesen des Evangeliums, des Psalters oder ihrer Auslegungen und die
Betrachtung darüber, Lesen von Büchern über die Gottgefälligen
unserer Zeit, über die Neumärtyrer Rußlands, c) durch
lebendige Bekanntschaft mit dem Übergang vom irdischen Leben zum
Jenseitigen (Besuch von Sterbenden, Begräbnisfeiern, Lesen des
Psalters unmittelbar am Totenbett und überhaupt für
Entschlafene), durch eschatologische Reflexionen (über das Ende der
Zeiten), d) durch Werke der Wohltätigkeit, e) durch das Aufsteigen von
einem Entgegennehmen von Belehrungen älterer und erfahrenerer Menschen
zum Gehorsam bei Älteren und Erfahreneren und weiter zum Vermögen,
den Segen des geistlichen Vaters zu empfangen und zu bewahren.
In dieser Phase ist eine weise und erfahrende Führung
seitens des geistlichen Vaters geboten: a) mittels der auferlegten
Ordnungen der Hinwendung zu Gott, zum Umgang mit dem Nächsten und mit
sich selbst, b) durch die Auswahl und den Charakter der zu lesenden Bücher,
c) durch die Aneignung von Gebeten, die Vorbereitung zu den Sakramenten und
dem Gottesdienst, die richtige Einhaltung des Fastens, d) durch die
Unterweisung in einem gottgefälligen Wandel in den verschiedenen
Wechselfällen des Lebens.
Seitens der Gemeinschaft oder der Gemeinde sind
erforderlich: a) das allgemeine Streben zur Eintracht (die Fähigkeit,
die Tugenden im Nächsten zu erkennen und sich ihm mittels ihrer
zuzuwenden), b) die Gemeinschaft mit echt kirchlichen Menschen als eine
Kostbarkeit zu schätzen und sich von den pseudokirchlichen und
antikirchlichen Leuten in der Kirche zu distanzieren, c) die Möglichkeit
zwei/drei und viele Tage nacheinander dem Gottesdienst beizuwohnen,
besonders in den Tagen des weihnachtlichen und des großen Fastens
(erste, fünfte und Karwoche), während des Weihnachtsfastens die
Gläubigen zu den Gottesdiensten zusammenzurufen, die der Ordnung derer
des Großen Fastens entsprechen (Halleluja-Gottesdienste), d)
gemeinsamer Verbleib bei den Kirchenfesten, wo Gotteswort, Gotteslob und Nächstenhilfe
vor dem Gottesdienst, während des Gottesdienstes und während der
gemeinsamen Mahlzeit (Trapeza) geübt werden, und ebenso nach der
Trapeza in Anstalten, wo die Gebrechlichen (Senioren, Kranke, Waisen)
zusammenwohnen, e) Wohltätigkeit, gemeinschaftliche gegenseitige
Hilfeleistungen, f) Sommerlager mit Familie und Kindern.
Es sollten verschiedene Arten des Dienstes, die der
Erhaltung des Glaubens förderlich sind, angeboten werden: in der
Kirche, in der Sonntags- oder orthodoxen Schule, in Sommerlagern, in Armenhäusern,
Schwesternschaften und Bruderschaften.
Die dritte Stufe ist die eigentliche Verkirchlichung,
die ebenfalls zehn bis fünfzehn Jahre dauern kann. Zu diesem Zeitpunkt
vermag der Mensch bereits mit Seele und Geist mit der Gnade
zusammenzuwirken, ihr entgegenzustreben, und empfindet mit der Zeit immer
mehr ihre Mitwirkung bei seinen eigenen Bemühungen im inneren Leben,
so daß er bei vielen Handlungen im Herzen sich auf ihre Beteiligung
stützt.
Die vierte Phase nennt der hl. Theofan der Klausner
die Stufe des wahren Christen. Hier lebt der Mensch vollständig in der
Führung des Heiligen Geistes.
Die fünfte Stufe ist die des vollkommenen
Christen. Hier bringt die Gnade selbst bis dahin im Menschen nicht
vorhandene Tugenden in ihm hervor und führt ihn selbst zum Dienst der
Kirche. Derart waren die Heiligen Serafim von Sarov, Sergij von Radone¡z
und viele andere große Gottgefällige”.
Der Vortrag wurde mit großem Interesse
aufgenommen. Vater Anatolij wurden viele Fragen gestellt. Der feine Humor
des Vortragenden und die hervorragende Kenntnis der Psyche des
post-sowjetischen Menschen, der zur Kirche kommt, trugen sehr zum Erfolg
des Vortrags bei.
Natürlich darf man ein Schema und eine Methode
nicht verabsolutisieren. Es ist ja kein Zufall, daß die heiligen
Kirchenväter keine vollendete “Lehre der Verkirchlichung”
geschaffen haben. Sie taten es nicht etwa, weil sie viel zu sehr mit
anderen Dingen beschäftigt gewesen wären, sondern deshalb, weil
eine solche Lehre, gar noch eine vollständige, nicht nötig ist.
Unser Herr Jesus Christus hat uns in Seiner heiligen Kirche etwas
unvergleichlich Größeres hinterlassen, als eine Lehre oder eine
Summe von Lehren, nämlich Sich Selbst, das ganze unergründliche
Geheimnis Seiner gottmenschlichen Person. Die heiligen Väter hielten
ihre Vernunft in Demut angesichts dieses Mysteriums. Schematisierung und
Klassifizierung führen allzu leicht zu Vereinfachungen hinsichtlich
der geistlichen Realitäten. Es genügt, die drei Stufen der
Erkenntnis (Gnosis, Wissen), wie sie vom Referenten aus den Schriften des
hl. Isaak des Syrers hervorgehoben wurden, mit den tiefen Einsichten des
Heiligen, die dies betreffend von – wenn man sich so ausdrücken
darf – “gnoseologischer Demut” erfüllt sind.
Ebenso wie die anderen asketischen Väter, war
auch der hl. Isaak am allerwenigsten ein strenger Systematiker. Die Wüstenväter,
die ebenso wie die Mönchslehrer in den gemeinschaftlichen Klöstern
“erfüllt von Mitleid und in Liebe zu ihren Söhnen”
(Hl. Isaak d. Syrer, Wort 42) waren, haben uns ihre gottbegnadeten Worte
als Anleitungen zum Heil hinterlassen. Die Erkenntnis (Gnosis) – hJ
gnw`sii – ist beim hl. Isaak kein wissenschaftlicher Terminus. Daher
wird die Erkenntnis manchmal dem Glauben entgegengesetzt (Wort 25), in
anderen Fällen wird sie in drei Stufen aufgeteilt: die natürliche
= fleischliche, die seelische und die geistliche (Wort 28); oder wiederum
eine andere Unterteilung: die natürliche = die sich mit dem
Emotionellen beschäftigende, die geistliche = die sich mit dem Unkörperlich-Geistigem
beschädigende, und zuletzt die übernatürliche, die von
Gottes Kraft geschenkt wird, wobei diese letzte “unerkennbar und höher
als Erkenntnis ist” –sie ist “allein dem Glauben zum
Erbteil gegeben” (Wort 29). Manchmal wird die seelische Erkenntnis
der geistlichen entgegengesetzt, dann ist sie gleichbedeutende mit der natürlichen
und fleischlichen (Wort 49); und zuguterletzt werden alle drei Formen der
Erkenntnis der “Schau” entgegengesetzt, in der alles Wissen und
Erkennen beseitigt wird, oder aber die Erkenntnis wird dem heiligen “Nichtwissen”
entgegengesetzt, das “höchste Erkenntnis genannt wird”
(Wort 16).
Über die Gründe einer solchen “unwissenschaftlichen”
Verwendung der Terminologie in den kirchenväterlichen Schriften äußerte
sich derselbe hl. Isaak in ganz vorzüglicher Weise: “Siehst du,
wie die Väter die Bezeichnungen der geistlichen Dinge wechseln? Das
liegt daran, daß die genaue Bedeutung der Bezeichnungen durch hiesige
Gegenstände bestimmt werden, während es für die Dinge der künftigen
Zeit keine echte und wahre Benennung gibt (...) So kommt es, daß die
Väter dann, wenn die seelische Erkenntnis emporgehoben wird aus der
sichtbaren Welt, zur Bezeichnung dessen je nach ihrem Gutdünken
Bezeichnungen wählen, weil die genauen Bezeichnungen dafür
niemand kennt” (Wort 16).
Es muß also stets mitbedacht werden, daß
auch dann, wenn die Rede vom unkirchlichen, sündigen und ungläubigen
Menschen ist, gerade eine solche Art “Ding der künftigen Zeit”,
nämlich die unbeschreibbare und unergründliche Vorsehung Gottes
Selbst, über ihm wacht bis zur letzten Minute seines Lebens und ein
ewiges Geheimnis bleibt, indem sie gemäß den Ihm allein
bekannten Ratschlüssen und verschiedenen Wegen, die in keinerlei
Schema passen, den Menschen rettet. Ganz klar, daß nur im
allereingeschränktesten Sinne einen Neubeginnenden der Taufpate oder
ein speziell dafür abgestelltest und gesegnetes Mitglied der Gemeinde “leiten”
kann, denn – nach der Beobachtung des Referenten selbst –
befindet sich heutzutage die Mehrheit der Gemeindemitglieder, ebenso wie
auch viele Priester und Mönche, selbst im “Übergangsstadium”
(so qualifizierte Vr. Anatolij am Anfang seines Vortrags die Teilnehmer der
Tagung), d.h. in einer leidenschaftlichen Verfassung, ob fleischlich oder
seelisch. Gemäß den hl. Vätern kann nur ein Mensch andere
geistliche zum Heil führen, der die Gabe der Unterscheidung hat, die
geschenkt wird durch den Heiligen Geist auf den hohen Stufen der
christlichen Entfaltung. Der Mangel an geisttragenden Lehrern, die schon im
19. Jahrhundert der hl. Ignatij (Brjan¡caninov) beklagte, ist eines
der wichtigsten Probleme des heutigen kirchlichen Lebens. Es wäre völlig
unpassend, Laien durch den Segen eines Gemeindepfarrers zu Ersatz-Starzen
erheben zu wollen. Gefahr droht hier, bei unrichtigem Verständnis,
nicht nur für den Neubekehrten, sondern auch dem “Lenker”:
Für einen Menschen, der Leidenschaften in sich trägt, bedeutet
das Belehren eines Anderen ein “entsetzliches Niederfallen der Seele
aus ihrer Ordnung” (Abbas Jesaja, Paterikon).
Keinesfalls darf die äußere Organisation
des Gemeindelebens (mit einem System “sozialer Aktivitäten”
und konkreter pädagogischer Maßnahmen) zu einem Mangel an
Wertschätzung für die “erzieherische Bedeutung” der
Eucharistie beim Werk der Reinigung und Erleuchtung des Menschen und beim
Aufbau der Kirche als dem Leib Christi führen. Entsprechend heißt
es in dem, in diesem “Boten” abgedruckten Artikel des
Erzpriesters und Professors der Athener Universität, Georgios
Metallinos: “Die Göttliche Eucharistie sichert die Einheit des
kirchlichen Lebens. Das ist die Botschaft des 1. Korintherbriefes (10,
15-17). Der eine Leib wird dort mit dem einen eucharistische Brot
identifiziert: «Weil es ein einziges Brot ist, sind wir vielen ein
einziger Leib; denn wir haben Anteil an dem einen Brot» (1. Kor. 10,
17)”. Darüber sprach auch am nächsten
Tag (zum hl. Hieromärtyrer Eleutherios) der Erzbischof Mark in seiner
Predigt am Ende der Göttlichen Liturgie, bei der fast alle Teilnehmer
die Heiligen Gaben empfangen hatten: “Die heilige Kommunion –das
ist unsere Erziehung!”
Die Probleme der Verkirchlichung wurden auch während
des Mittagessens und am Nachmittag diskutiert. Viel Zeit wurde der
schwierigen Frage der Verkirchlichung der Kinder in unserer Zeit gewidmet.
Am Samstag nach der Liturgie sprach Erzpriester
Nikolai Artemoff zum Thema: “Über Gott den Sohn (nach dem hl.
Gregor von Nazianz)”. Er gründete seinen Vortrag auf die dritte
und vierte Rede aus den fünf theologischen Reden des hl. Gregors des
Theologen, das ist das erste und zweite Wort, das eigens dem Gottessohn
gewidmet ist. Aus dem umfassenden anderthalbstündigen Vortrag, der
auch noch eine reiche Diskussion hervorrief, wollen wir nur einige Momente
herausgreifen.
Der Referent merkte eingangs an, daß der so
vertraute und in diesen Tagen häufig gehörte Gesang “Christus
wird geboren, verherrlicht! Christus vom Himmel, begegnet! Christus auf
Erden, erhebt euch! Singet dem Herrn alle Irdischen...” einfach die
Anfangsworte der Predigt des hl Gregorios zum Weihnachtsfest sind (eine
ausführliche Analyse des Einflusses der Predigten des hl. Gregor auf
die Gesänge des Pfingstfestes wurde im “Boten” Nr. 3/1993
publiziert). Nachdem er den Einfluß des Heiligen sowie die
Hauptereignisse seiner Biographie skizziert hatte, ging Vr. Nikolai zur
Textanalyse über, indem er die kirchenväterlichen Ausführungen
über das Verhältnis von Gott-Vater und Gott-Sohn nacherzählte
und kommentierend erklärte, wie der hl. Gregorios uns zum Verständnis
einer rechten Unterscheidung der zwei Naturen –der göttlichen
und der menschlichen – in der einen Person Christi führt. Die
Vereinigung der beiden Naturen hatte ein klares Ziel: die Rettung des
Menschen, sein Heil. Um dieses Heiles willen nahm Christus die menschlichen
Schwächen auf Sich, aber auf den gleichen Gebieten erwies Er jeweils
auch – zu unserer Rettung –Seine göttliche Macht.
Es wurde darauf hingewiesen, daß der
Kirchenvater Christus den Erlöser für die wahre Sophia (Weisheit
Gottes) hielt. Die Schriftworte, in denen die personifizierte Weisheit
sagt, sie sei “geschaffen” als ein “Werk” Gottes
(Spr 8, 22), bezog der hl. Gregorios daher auf die Menschwerdung des Sohnes
Gottes, da der Gottessohn zu einem Geschöpf wurde, indem er Fleisch
und Mensch wurde. Unter Beachtung dessen, daß die ganze göttliche
Dreiheit daran teilnahm, kann man sagen, daß Er Sich Selbst gebildet
hat, wobei diese Schöpfung in der Zeit ihr Ziel und ihre Ursächlichkeit
hatte: “Was ist der Grund dafür, daß Gott um unseretwillen
die Menschheit annimmt? – Damit wir alle gerettet würden.”
Aber die Gottheit hat keine Ursache, denn es gibt keine Ursache, die ursprünglicher
wäre als Gott. Und diese andere Seite wird in der Bibel an der
gleichen Stelle ausgesprochen durch dieselbe Weisheit, den Logos, das Wort
und den Sohn Gottes, nämlich dort wo im Zusammenhang mit mehrfachem
deskriptiven “vor ... als noch nicht ... bevor... vor ...“ das
Verbum “geboren” (“gezeugt”) verwendet wird (Spr 8,
25). Dieses zweite weist auf das Geborensein vom Vater “vor allen
Zeiten”, während das erste (“geschaffen” werden) von
der Fleischwerdung in der Zeit, in der menschlichen Geschichte spricht.
Hierbei zeigte der Referent an verschiedenen Beispielen, daß das Wort
Gott keinesfalls mit dem Wort “Vater” gleichzusetzen ist, da
die Bezeichnung “Gott” durchaus die göttliche Natur
Christi bedeuten kann und, zugleich, zur gesamten Dreiheit, da die Natur
des dreieinigen Gottes sich von der Natur von Gott-Christus nicht
unterscheidet. Eine unrichtige Zerteilung in dieser Frage wirkt auch
vernichtend auf das Verständnis der Heiligen Schrift. So heißt
es hinsichtlich der Fleischwerdung Christi in der Schrift: “Gott hat
ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht” (Apg 2, 36). Viele werden
glauben hier sei vom Wirken des Vaters die Rede. Aber der hl. Gregorios
weist diesbezüglich auf das Wirken Gottes des Sohnes, indem er sagt: “Denn
dies geschah, sowohl durch das Wirken des Geborenen, als auch durch das
Wohlgefallen des Erzeugers”. Es wurde immer deutlicher, wie genau in
der Bibel die Worte verwendet werden. Was die Auferstehung Christi betrifft:
gemäß der Fleischwerdung geschieht auch die Auferstehung. Und
wenn derselbe hl. Apostel Petrus wiederum sagt: “Gott hat Seinen
Knecht auferweckt” (Apg 3, 26) und “Gott hat Ihn von den Toten
auferweckt” (Apg 3, 15), dann sollte man nicht denken, daß hier
die Rede sei von einer separaten Handlung Gottes des Vaters. Christus
auferstand aus eigener Macht als Gott, indem er Seinen menschlichen Leib
auferweckte. Aber dieses Wirken des Sohnes geschah unter dem Wohlgefallen
des Vaters. Ebenso genau drückt sich der hl. Apostel Paulus aus, wenn
er sagt, daß “Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von
den Toten auferweckt wurde” (Röm 6, 4). Die Herrlichkeit (doxa),
die die ungeschaffenen Energien der ganzen Gottheit bezeichnet, ist
dreiheitlich, der Name Christus (Gesalbter) enthält seinerseits das
Wirken der göttlichen (salbenden) Natur auf die menschliche Natur
Jesu, die die Salbung empfängt.
In diesem Zusammenhang war die Interpretation einer
Stelle im ersten Korintherbrief hochinteressant, wo die Rede ist gewissermaßen
von einem “Ungehorsam” Christi bis zum Verschwinden des Todes,
bis zum Endgericht und der Offenbarung des Königreiches Gottes (1 Kor
15, 27-28). Diese schwierige Stelle bedarf der Auslegung und erklärt
sich folgendermaßen: Der auferstandene und in die Himmel aufgefahrene
Christus, der durch den Heiligen Geist Seine Kirche auferbaut, indem Er die
Gläubigen zum Gottesgehorsam führt, schreibt Sich deren
Ungehorsam zu, solange nicht Alles Gott dem Vater unterworfen ist: Ist aber
einmal alles Ihm unterworfen, dann wird auch der Sohn Selber sich Dem
unterwerfen, Der Ihm alles unterworfen hat... Hinsichtlich Seiner Gottheit
kann beim Sohn, der ja über alles Geschaffene herrscht, keine Rede
sein von “Gehorsam” oder “Ungehorsam”, weil diese
Kategorien nur denen eignen, die unter einer Macht stehen. Aber insofern
als der Sohn Gottes zum Menschensohn geworden ist, nahm Er unseren
Ungehorsam auf sich, insofern als Er uns zur Kirche als Seinem Leib
auferbaut. Solange also in der Kirche Menschen sind, die zum Teil gehorsam
und zum Teil ungehorsam sind, eignet Er sich diesen Ungehorsam an. Der hl.
Gregorios merkt an: “So macht Er also meinen Ungehorsam, da Er das
Haupt des ganzen Leibes ist, zu Seinem Ungehorsam”. Ebenso wurde
Christus für einen jeden von uns zum “Fluch”, wie er
genannt wird, da es heißt: “Verflucht ist jeder, der am Holze hängt”
(Gal 3, 13); und Er spricht, am Holze hängend, den Psalm 21 (westl. Zählung:
22), der mit den Worten beginnt: “Mein Gott, mein Gott, warum hast
Du mich verlassen!” Hierbei ging ja Christus nicht etwa Seiner göttlichen
Natur verlustig, vielmehr “stellt Er uns dar in Seiner Person”,
schreibt der hl. Gregorios. Bezugnehmend auf die nachfolgenden Worte in dem
bei den Christen gebräuchlichen Übersetzungstext der Septuaginta
(LXX, Ps. 21, 2-3: “Weit entfernt von meiner Rettung sind die Worte
meiner Übertretungen (...) es sei nicht zur Torheit für mich”.)
fährt der Kirchenvater fort: “Er eignet Sich auch unseren
Unverstand (Torheit) an und unsere Sündhaftigkeit (Übertretungen)”.
Also spricht Christus diese Worte nicht “gemäß der Natur”,
der einen, die Er als Gott gar nicht verlieren kann, und auch nicht der
anderen, da Er sündlos ist und nicht entfremdet von Gott, sondern “gemäß
der Aneignung”. In diesem Sinne schließt der hl. Gregorios: “Daher,
solange ich ungehorsam und aufrührerisch bin durch meine
Leidenschaften und dadurch, daß ich mich Gott entfremde, so lange heißt
auch Christus – einzig wegen mir – ungehorsam”. Aber
Christus erwirbt Sich in uns zugleich auch solche, die Ihn freiwillig als
Herrn und König anerkennen, dann nämlich, wenn wir uns Ihm
unterwerfen. Und zugleich: Obwohl es bis zum Ende der Welt solche geben
wird, die sein Heil erwerben wollen sowie andere, die dies nicht wollen,
ist Er doch schon jetzt und in alle Ewigkeit der König und
Allherrscher. Jedoch erst dann, wenn der Sieg der unwidersprochenen
Wahrheit bei der Verklärung der gesamten Welt sich offenbaren wird,
dann wird es auch den “Ungehorsamen”, die sich der Wahrheit
Christi widersetzen, unmöglich sein, weiter dagegen zu streiten, da
sie allen völlig offenkundig sein wird – dann wird Christus Sich
offenbaren als “Gott inmitten der geretteten Götter”, “dann
hat auch Er, der mich als Geretteten herbeigeführt hat, Seinen
Gehorsam erfüllt”. Was hierbei die oben besprochene Frage
anbetrifft, wer denn eigentlich die Offenbarung des Reiches Gottes bewirkt,
so wird dies ebenfalls dreiheitlich sein. Der Kirchenvater sagt dazu: “Es
unterwirft aber sowohl der Sohn dem Vater, als auch der Vater dem Sohn,
insofern als der Eine wirkt, und es dem Anderen wohlgefällt (wie zuvor
bereits gesagt). Und auf diese Weise stellt der Unterwerfende das
Unterworfene ‘Gott dar, indem Er unseren Gehorsam Sich aneignet”.
Der hl. Gregorios verweist hierbei auf die Übereinstimmung der
Schriftstellen beim hl. Apostel Paulus, der an einer Stelle sagt, es werde “Gott
alles in allem sein” (1 Kor 15, 28), und an einer anderen eignet er
es eindeutig Christus im Lichte des Reiches Gottes an, wo sein wird “alles
und in allem Christus” (Kol 3, 11).
Auf diese Weise liefert nur die rechte Unterscheidung,
die fähig ist die reiche Vielseitigkeit der Schriftworte in eins zu
bringen, eine klare Antwort auf die Frage, in welchem Sinn unser Herr Jesus
Christus gesagt hat “Der Vater ist größer als Ich”
(Jo 14, 28), und warum unser Erlöser notwendig unterschied, als Er
sprach: “Ich steige hinauf zu Meinem Vater und eurem Vater, Meinem
Gott und eurem Gott” (Jo 20, 17).
Die Orthodoxie der Kirchenväter wirkte, wie sich
erwies, belebend auf die Seelen der Zuhörer, so daß sich in der
Diskussion die soteriologische (auf das Heil bezogene) Thematik
weiterentfaltete, u.a. hinsichtlich der westlichen Auffassungen, mit denen
die Teilnehmer des Treffens ständig in der einen oder anderen Weise in
Berührung kommen.
Zum Abschluß der Begegnung teilte Erzbischof
Mark seine Ansichten über die gegenwärtige Situation in der
Russischen Kirche mit, erklärte die Entstehungsgeschichte der Wirren
um die Abdankung des ehemaligen Ersthierarchen, Metropolit Vitalij, und
seine Sicht der Probleme zwischen der Russischen Auslandskirche und der
Moskauer Patriarchie. Die Tagungsteilnehmer stellten viele Fragen (auch
sehr brisante) und erhielten erschöpfende Auskunft von ihrem
Oberhirten. An der Diskussion nahmen auch Bischof Agapit und Erzpriester
Anatolij Garmajev teil.
Man kann mit Freude sagen, daß das gesamte
Orthodoxe Treffen wie in einem Atemzug erlebt wurde, es wehte der Geist der
Liebe und der echten Einmütigkeit, die in der Einheit des Gebetes und
den kirchlichen Sakramenten geschöpft wurden.
Einen besonderen Dank richteten die Teilnehmer an die
Schwesternschaft der Kathedralkirche, die so viel Sorge und Mühen
trugen, um eine solche Menge Volk zu speisen – verglichen mit den
Vorjahren war dieses Treffen zahlenmäßig das größte.
Beschlossen wurde die Begegnung mit einem Dankmoleben, an dessen Ende alle
das Kreuz küßten und mit wohlriechendem Öl gesalbt wurden,
um in ihren herzen den Wohlgeruch des Gebetes und der Liebe in Christus
nach Hause zu tragen.
Ein Teilnehmer.
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