ANSPRACHE VON ERZPRIESTER AMBROSIUS BACKHAUS  
DES ÄLTESTEN PRIESTERS DER DIÖZESE  
Liebe Geschwister!

Der Herr Jesus Christus ist geboren – lasset uns IHN preisen! ER ist geboren in SEINER heiligen Kirche; ER ist geboren im Gottesdienst und Gebet SEINER heiligen Gemeinde; ER ist geboren in der Verehrung SEINER heiligen Bilder; ER  ist bei uns in SEINEM Leib und Blut. Christus ist unter uns.

Als vor 100 Jahren in Hamburg eine russisch-orthodoxe Kirche eröffnet wurde, waren die Hamburger begeisterte Anhänger ihrer evangelisch-lutherischen Kirche und duldeten kein Kreuz einer anderen Kirche in ihrer Stadt. Die Russen aber hatten eine Ikone des heiligen Nikolaus, nach der die Kirche benannt war; und diese Ikone brachten sie oben zwischen den beiden Häusern am Böhmersweg an, zum Zeichen dessen, daß sich der Himmel öffnete und der Herr Jesus Christus in SEINER Kirche unter uns war.

Eine orthodoxe Kirche und eine Kirche der Anglikaner (in der Nähe des Michels) waren damals die einzigen nicht evangelisch-lutherischen Kirchen in Hamburg. Diese Kirche am Böhmersweg – eine kleine Kirche – war offen für alle: für die Griechen, für die Bulgaren, für die – damals – wenigen Orthodoxen, die in dieser Zeit (auch noch bis zum 2. Weltkrieg) in Hamburg lebten.

Es kamen die Flüchtlinge, die man seinerzeit “Emigranten” nannte, und ich will keine Namen erwähnen; aber es war eine lange Zeit des Gottesdienstes in der kleinen Kirche des Hl. Nikolaus.

Die Kirche ist der Ort der Versöhnung, des Friedens.

Viele Männer und Frauen kamen in diese Kirche und begegneten dort dem Herrn Jesus Christus; nicht nur Russen und Griechen, sondern auch Deutsche. Später lebte einmal lange Zeit ein Deutscher, Vater Johannes Gölz, der das deutsche Kirchenlied in eine neue schöne Form gebracht hatte, der ein orthodoxer Pfarrer geworden war, in dieser Kirche und hielt dort den Gottesdienst. Es waren wenige Orthodoxe in der großen Stadt Hamburg, und doch war es nicht nur die Kirche, sondern auch die Kultur. Die Russen luden ein – ihre Feunde und ihre deutschen Freunde – zum gemeinsamen Liederabend, zu gemeinsamen Lese-Abenden, an denen sie gemeinsam die große Weite unseres Geistes, der vom Herrn Jesus Christus erleuchtet ist, auf einfache und natürliche Weise in dieser Stadt zum Leuchten brachten.

Dann kam der 2. Weltkrieg und nach ihm eine große, Hunderttausende, Millionen umfassende Welle von Menschen, die wir nun “Flüchtlinge” nannten. Damals wurden viele große Baracken-Kirchen eingerichtet: in Planten und Blomen, wo damals keine Pflanzen und Blumen wuchsen, sondern wo Flüchtlinge untergebracht wurden; in Neugraben, in Wentorf – Kirchen, die Hunderte von Menschen faßten, und die bis auf den letzten Platz gefüllt waren.

Die Kirche des Hl. Nikolaus am Böhmersweg war viel zu klein; sie lag damals im obersten Stockwerk, und sie war für alle offen. Oft wurde die erste, die große Ektenie von einem Diakon, der auch Griechisch konnte, auf Griechisch gesprochen, damit auch die wenigen Griechen, die in Hamburg wohnten, in einer orthodoxen Kirche ihre Sprache hörten.

Der Hochkommissar der englischen Besatzungsmacht schenkte dem Bischof Afanasij ein Grundstück zwischen Mittelweg und Harvestehuder Weg – ein Trümmergrundstück. Das erste, was man tat, war Kartoffeln pflanzen, und bei dieser guten Tätigkeit fand man eine große Bronze-Platte; diese Platte war so viel Geld wert, daß man damit eine kleine Kirche bauen konnte, mit einem Raum für den Bischof, für die Verwaltung. Wenn die Gemeinde feiern wollte, dann wurden Bänke in die Kirche gestellt und vor die Ikonostase eine Decke gehängt.

Diese Kirche hieß nach dem seligen Prokop von Lübeck und Ustjug. Vater Stephan Ljashevskij war ein großer Verehrer der Deutschen und sammelte junge Deutsche um sich, um ihnen vom orthodoxen Glauben zu erzählen, und er war ein großer Verehrer des seligen Prokop. Prokop, Kaufmann der Hanse (mit einem anderen Namen, natürlich), 1301 gestorben, fuhr nach Nowgorod. Damals – und bis heute – wissen viele Menschen zum Glück nicht, daß die Kirchen zerstritten sind. Der Lübecker Kaufmann Prokop ging in die orthodoxe Kirche in Nowgorod, als wäre es seine katholische Kirche in Lübeck.

Gastfreundschaft – filoxeniva, Philoxenia – war damals ein Zeichen und ist heute ein Zeichen unter uns, und so danken wir auch all denen, die zu uns gekommen sind, denn in der Gastfreundschaft wird aller Streit und alle Feindschaft überwunden in der Versöhnung, die uns Christus schenkt.

Schon lange sprach man in der Hamburger russisch-orthodoxen Kirche auch Griechisch, 1949 begann man auch Deutsch zu sprechen. Und wieder war es ein Mann, Fjodor Gerassimez, der sich mit großer Begeisterung an das Werk machte, den Gesang, das Gebet der orthodoxen Kirche in Deutsch am 1. Sonntag im Monat ertönen zu lassen. Es ging nicht nur darum, daß die deutschen Seh-Leute – wie die Russen häufig sagten –, die nur zum Sehen des Gottesdienstes gekommen waren, den Gottesdienst verstanden, sondern auch darum, daß die Russen, die hier in der Kirche ihre  Sprache hörten, auf der Straße aber eine andere, spürten, daß alle Sprachen im Gottesdienst des Herrn Jesus Christus zusammen zum Lobpreis Gottes geschaffen sind.

Prokop ging nach Rußland – von Nowgorod weit, weit in den Osten, in eine kleine Stadt, Ustjug, zwischen St. Petersburg und dem Ural, fast in der Taiga. Er war ein “Narr in Christo”, ein wahrer Narr, der im Gebet im fremden Land die Gemeinschaft erlebte und lebte. Und so ist der selige Prokop, der für uns betet, für uns nicht nur ein Vorbild, sondern ein Fürbitter, daß auch wir gemeinsam – alle Völker und Sprachen – vor dem Herrn Jesus Christus die Gemeinschaft, das Zusammengerufensein erfahren.

Das Grundstück der Kirche am Harvestehuder Weg fiel einer Schule und einer Versicherung zu; der Prokop blieb.

Eine unerwartete und erstaunliche Hilfsbereitschaft – angefangen beim knauserigen Senat der Stadt Hamburg, die das Grundstück schenkte; alle Leute trugen etwas dazu bei. Alles, was Sie sehen: geschenkt, durch Spenden zusammengebracht, bis auf die Teppiche, auf denen Sie stehen. Eine große Gemeinschaft, die diese Kirche so hat entstehen lassen.

Der Erzbischof Philotheus – er sagte, seine Heimat sei die Bundesbahn, weil er viel herumfuhr, um die Gemeinden zu besuchen – entwarf diese Kirche zusammen mit den beiden Architekten Nürnberg und Serow und mit dem Maler v. Meyendorff, der sie so schön und so voll inneren Sinnes ausgemalt hat.

Gemeinschaft ist und bleibt die Wirklichkeit der Kirche Jesu Christi. Das Wort “Gemeinsamkeit” kommt von "Zusammensammeln"; nicht wir sammeln, der Herr Jesus Christus, DER in der Mitte der Engel in der Kuppel ist, sammelt uns zusammen.

Auch bei der Renovierung der Kirche – viele Kerzen brennen, vom Rauch werden die Ikonen dunkel, der Regen in Hamburg dringt durch alle Steine hindurch, und so mußte die Kirche wieder schön hergerichtet werden – halfen wieder viele: die Stadt, der Bürgermeister des Stadtteils und viele Menschen. Und da wurde diese Kirche zu einem historischen Bauwerk dieser Stadt, das die Stadt nun auch zu erhalten mitzuhelfen bereit war.

Begegnung ist ein Geschenk, das uns Gott geschenkt hat. Wir begegnen dem Herrn Jesus Christus, geboren in Bethlehem, und in IHM dürfen wir einander begegnen. Unsere Kräfte reichen nicht aus, all die Grenzen – der Sprache, und welche anderen es gibt –, die zwischen uns aufgerichtet sind, zu überwinden; aber ER, unser Herr Jesus Christus, mit SEINER allreinen Mutter, die für uns betet, und all den Heiligen, die wir sehen, schenkt uns, so bitten wir IHN, Frieden und Versöhnung auf viele Jahre.

Gott, der Herr, schenke Vater Joseph, allen, die im Beten und Singen mit uns verbunden sind, SEINEN Segen auf viele, viele Jahre!

Wenn wir an die Entschlafenen denken und ”Ewiges Gedenken” singen, dann meinen wir nicht uns; sondern in Gott, dem Herrn, DER die uns Vorangegangenen, die Entschlafenen allezeit in SEINEM liebenden Gedenken vor dem Schrecken des Todes bewahrt. Im Gebet und in der Liebe sind sie allezeit mit uns zusammen.

Wir laden alle nach dem Gottesdienst herzlich ein in unser Gemeindehaus, zu einem gemeinsamen Tisch. Die Gemeinsamkeit am Tisch geht hervor aus der Gemeinsamkeit des Gebetes, und Sie sind alle herzlich eingeladen.

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