Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen
Geistes.
Liebe Brüder und Schwestern!
Jede Fastenzeit, sei sie groß oder klein,
besonders aber – die Große Vierzigtägige Fastenzeit hebt
uns auf den Flügeln der Entsagung an Leidenschaften und Gelüste
empor. Indem wir die körperliche und geistliche Askese auf uns nehmen,
vereinigen wir uns mit allen Heiligen, die von Ewigkeit her auf dieser Erde
gelebt haben, denn sie alle verhielten sich furchtlos und ohne Scheu gegenüber
Qualen und Leiden. Abraham war bereit, seinen einzigen Sohn zu opfern, als
er von Gott den Befehl dazu erhielt. Moses kämpfte mit den
Widrigkeiten der Wüste. Elias verbrachte in der Wüste ein Leben
voller Entbehrungen und Versuchungen. Die heiligen Apostel erduldeten
Wunden und Martern für das Evangelium. Davon spricht der heilige
Apostel Paulus: sie sind umhergezogen in
Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Mißhandlung
erduldet (Hebr 11, 37).
Solche Leiden und Qualen führen den Menschen zu
wahrer Weisheit. Die Weisheit des Christen besteht in dem Bewußtsein,
daß in ihm das Abbild Gottes verborgen ist. König David wünscht,
das Antlitz Gottes zu schauen und vergleicht sich mit einem Hirsch, der die
Wasserquelle sucht. Der Apostel Paulus ist bereits, sich von seinem Leib
wie von einer schweren und lästigen Kleidung zu trennen, um mit
Christus zu sein (Phil 1, 23). Nicht von vorübergehendem Verbleiben träumten
die Heiligen – nein, sie streben nach ewiger, seliger Freude im Schoße
des Vaters. Alles andere betrachten sie als Eitelkeit
der Eitelkeiten (Ekkl 1, 2).
Diese Weisheit ist nicht in menschlicher Klugheit
beschlossen. Wenn wir, liebe Brüder und Schwestern, uns in diesen
Tagen vom Verlangen des Fleisches lossagen, dann eifern auch wir den
Heiligen nach und erlangen wahrhaftige Freiheit. Diese Freiheit führt
uns als Neues Israel in das Obere Jerusalem, wo wir nach Nathanael hören
können: siehe wahrhaftig ein Israelit, an
dem kein Falsch ist (Jo 1, 47). Anstelle
von Falsch ist in ihm wahrer Glaube.
Woher kommt der Glaube? Nur von Gott Selbst. Alles,
was mit unserer Rettung zu tun hat, ersteht aus Gott, und nicht aus uns.
Selbst die Apostel erflehten für sich den Glauben:
Herr, Mehre uns den Glauben !(Lk
17, 5) Sie fühlten sich nicht genügend sicher, um sich auf ihre
Askese zu verlassen. Der Glaube hängt nicht von der Fülle der
menschlichen Freiheit ab oder dem Willen, sondern von der Barmherzigkeit
Gottes. Der Heiland Selbst bezeugt die Wankelmütigkeit und Ohnmacht
unseres Glaubens, wenn Er sich an den Apostel wendet:
Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht
aufhöre (Lk 22, 32). Die heiligen
Apostel fühlten, daß alles Gute ausschließlich mit Hilfe
Gottes vollbracht wird. Wenn sich der Apostel Petrus der Notwendigkeit der
Hilfe Gottes beim Bewahren des Glaubens bewußt war, so müssen um
so mehr wir, liebe Brüder und Schwestern, die Unentbehrlichkeit der
Mitwirkung Gottes bei unseren asketischen Übungen erkennen.
Dieser Zusammenhang ist nicht zufällig. Nicht von
ungefähr sind wir vom Willen Gottes abhängig, von Gottes
Barmherzigkeit, von Gottes Liebe, denn der Mensch ist nach dem Abbild und
dem Ebenbild Gottes geschaffen. Das Abbild Gottes im Menscen ist, wie wir
ja wissen, nicht äußere Schönheit, Gesichtszüge oder
Farbe. Abbild und Ebenbild – das ist Reinheit, das ist Freiheit von
Leidenschaften, das ist Seligkeit, das ist die Entfremdung von jeglichem Bösen,
allem Sündhaften, allem Eitlen. Die Gottheit, sagt der heilige Gregor
von Nyssa, ist Geist und Wort, denn am Anfang
war das Wort, wie wir aus dem Evangelium
wissen (Jo 1, 1). Die Apostel besitzen nach dem Wort des Apostels Paulus
den Sinn Christi (1 Kor 2, 16),
der in ihnen spricht, sie beseelt, sie in den Raum der ganzen Welt schickt
zur Predigt der Reinheit des Evangeliums.
Im Menschen ist Geist und Verstand anwesend nach der Ähnlichkeit
des wahren Geistes und Wortes. Gott ist sowohl Liebe als auch die Quelle
der Liebe. Die Liebe ist von Gott, sagt der Apostel, und Gott
ist Liebe (1 Jo 4, 7.8.). Eben diesen Zug
erklärte der Herr zum Unterscheidungsmerkmal Seiner Jünger, als
Er sagte: Daran werden alle erkennen, daß
ihr Meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt (Jo 13, 35). Dort, wo diese Liebe nicht ist, sind die Züge
Seines Abbildes durchgestrichen.
Das Fasten, liebe Brüder und Schwestern, ist uns
zur Wiederherstellung der ursprünglichen Reinheit gegeben. Im Zustand
der Reinheit können wir ein großes Maß an
Leidenschaftslosigkeit und Freiheit erreichen. Zu solcher Seligkeit ruft
uns der Herr, wenn Er sagt: Seid aber vollkommen
wie euer Vater vollkommen ist (Mt 5, 48). Der
Mensch ist, wie wir wissen, berufen zum Tempel des Heiligen Geistes zu
werden, zur Wohnstatt vollkommener Reinheit. Diese Reinheit aber drückt
sich in reiner Liebe zu Gott aus. Gott hat uns nicht in eigensüchtiger
Weise lieb gewonnen, sondern mit einem einzigen Ziel – um unserer
Rettung willen. Wir müssen Ihn zu unserer Rettung mit reiner Liebe
lieben – nur um Seiner Liebe zu uns willen.
Der heilige Prophet David zeigt uns, daß wir
nicht verzweifeln müssen, als sei die Wiederherstellung der ursprünglichen
Reinheit für den Menschen unmöglich, wenn er sagt:
ein reines Herz erschaffe in mir, Gott, und den rechten
Geist erneuere in meinem Innern (Ps 50,
12). Die Reinheit wird durch gründlichste Demut erreicht. Gott wünscht,
daß der Mensch einen zerknirschten Geist habe und ein zerknirschtes
und demütiges Herz (Ps 50, 19). Wenn
eine solche Gesinnung den Menschen ergreift und in ihm herrscht, selbst in
den geheimsten, unsichtbaren Regungen den Herzens, dann erlangt er auf
geheimnisvolle Weise den Geist der Freiheit und die Erlassung der Sünden.
Für diejenigen, die die ursprüngliche
Reinheit wiederhergestellt haben, betet der Herr:
Vater, Ich will, daß die, die Du Mir gegeben hast, auch dort
bei Mir seien, wo Ich bin (Jo 17, 24). Das
Mit-Christus-Sein ist das Ziel unseres Fastens, unserer Demut, unserer
Reinigung, unserer Buße. Um dieses Ziel jedoch zu erreichen, ist es
unabdingbar, daß wir im Glauben eins sind. Deshalb hat die Heilige
Kirche für den ersten Sonntag der Großen Fastenzeit das Fest der
Orthodoxie eingerichtet, um zu betonen, daß nur die Eine Apostolische
Kirche uns retten kann. Die Einheit unseres Glaubens hängt vom
Erkennen Christi ab, denn alle, die Christus nicht erkannt haben, haben
sich von Ihm entfernt und bedürfen der Wiedervereinigung mit Ihm, um
gemeinsam mit den Gläubigen heranzuwachsen zum vollen Maß der Fülle
Christi.
Der Herr gab uns Propheten, Apostel, Hirten und
Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, wie der heilige Apostel Paulus spricht,
damit wir zugerüstet werden zum Werk des Dienstes, auf
daß erbaut werde der Leib Christi, bis wir alle hingelangen zur
Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten
Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi
(Eph 4, 13). Darum, liebe Brüder und Schwestern, beten
wir, nachdem wir das Fasten begonnen und die erste Woche vollbracht haben.
Wir begehen das Fest der Orthodoxie – den Sieg der Reinheit des
Glaubens über jegliche falsche Lehre, innere wie äußere,
persönliche oder gesellschaftliche. Unsere Kraft liegt in unserem
Glauben, in Christus Jesus, in Dessen Leib wir gerettet werden. Amen.
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