PREDIGT ZU BEGINN DER GROßEN FASTEN  
Erzbischof Mark  
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Liebe Brüder und Schwestern!

Jede Fastenzeit, sei sie groß oder klein, besonders aber – die Große Vierzigtägige Fastenzeit hebt uns auf den Flügeln der Entsagung an Leidenschaften und Gelüste empor. Indem wir die körperliche und geistliche Askese auf uns nehmen, vereinigen wir uns mit allen Heiligen, die von Ewigkeit her auf dieser Erde gelebt haben, denn sie alle verhielten sich furchtlos und ohne Scheu gegenüber Qualen und Leiden. Abraham war bereit, seinen einzigen Sohn zu opfern, als er von Gott den Befehl dazu erhielt. Moses kämpfte mit den Widrigkeiten der Wüste. Elias verbrachte in der Wüste ein Leben voller Entbehrungen und Versuchungen. Die heiligen Apostel erduldeten Wunden und Martern für das Evangelium. Davon spricht der heilige Apostel Paulus: sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Mißhandlung erduldet  (Hebr 11, 37).

Solche Leiden und Qualen führen den Menschen zu wahrer Weisheit. Die Weisheit des Christen besteht in dem Bewußtsein, daß in ihm das Abbild Gottes verborgen ist. König David wünscht, das Antlitz Gottes zu schauen und vergleicht sich mit einem Hirsch, der die Wasserquelle sucht. Der Apostel Paulus ist bereits, sich von seinem Leib wie von einer schweren und lästigen Kleidung zu trennen, um mit Christus zu sein (Phil 1, 23). Nicht von vorübergehendem Verbleiben träumten die Heiligen – nein, sie streben nach ewiger, seliger Freude im Schoße des Vaters. Alles andere betrachten sie als Eitelkeit der Eitelkeiten  (Ekkl 1, 2).

Diese Weisheit ist nicht in menschlicher Klugheit beschlossen. Wenn wir, liebe Brüder und Schwestern, uns in diesen Tagen vom Verlangen des Fleisches lossagen, dann eifern auch wir den Heiligen nach und erlangen wahrhaftige Freiheit. Diese Freiheit führt uns als Neues Israel in das Obere Jerusalem, wo wir nach Nathanael hören können: siehe wahrhaftig ein Israelit, an dem kein Falsch ist  (Jo 1, 47). Anstelle von Falsch ist in ihm wahrer Glaube.

Woher kommt der Glaube? Nur von Gott Selbst. Alles, was mit unserer Rettung zu tun hat, ersteht aus Gott, und nicht aus uns. Selbst die Apostel erflehten für sich den Glauben: Herr, Mehre uns den Glauben  !(Lk 17, 5) Sie fühlten sich nicht genügend sicher, um sich auf ihre Askese zu verlassen. Der Glaube hängt nicht von der Fülle der menschlichen Freiheit ab oder dem Willen, sondern von der Barmherzigkeit Gottes. Der Heiland Selbst bezeugt die Wankelmütigkeit und Ohnmacht unseres Glaubens, wenn Er sich an den Apostel wendet: Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre  (Lk 22, 32). Die heiligen Apostel fühlten, daß alles Gute ausschließlich mit Hilfe Gottes vollbracht wird. Wenn sich der Apostel Petrus der Notwendigkeit der Hilfe Gottes beim Bewahren des Glaubens bewußt war, so müssen um so mehr wir, liebe Brüder und Schwestern, die Unentbehrlichkeit der Mitwirkung Gottes bei unseren asketischen Übungen erkennen.

Dieser Zusammenhang ist nicht zufällig. Nicht von ungefähr sind wir vom Willen Gottes abhängig, von Gottes Barmherzigkeit, von Gottes Liebe, denn der Mensch ist nach dem Abbild und dem Ebenbild Gottes geschaffen. Das Abbild Gottes im Menscen ist, wie wir ja wissen, nicht äußere Schönheit, Gesichtszüge oder Farbe. Abbild und Ebenbild – das ist Reinheit, das ist Freiheit von Leidenschaften, das ist Seligkeit, das ist die Entfremdung von jeglichem Bösen, allem Sündhaften, allem Eitlen. Die Gottheit, sagt der heilige Gregor von Nyssa, ist Geist und Wort, denn am Anfang war das Wort,  wie wir aus dem Evangelium wissen (Jo 1, 1). Die Apostel besitzen nach dem Wort des Apostels Paulus den Sinn Christi (1 Kor 2, 16), der in ihnen spricht, sie beseelt, sie in den Raum der ganzen Welt schickt zur Predigt der Reinheit des Evangeliums.

Im Menschen ist Geist und Verstand anwesend nach der Ähnlichkeit des wahren Geistes und Wortes. Gott ist sowohl Liebe als auch die Quelle der Liebe. Die Liebe ist von Gott, sagt der Apostel, und Gott ist Liebe  (1 Jo 4, 7.8.). Eben diesen Zug erklärte der Herr zum Unterscheidungsmerkmal Seiner Jünger, als Er sagte: Daran werden alle erkennen, daß ihr Meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt (Jo 13, 35). Dort, wo diese Liebe nicht ist, sind die Züge Seines Abbildes durchgestrichen.

Das Fasten, liebe Brüder und Schwestern, ist uns zur Wiederherstellung der ursprünglichen Reinheit gegeben. Im Zustand der Reinheit können wir ein großes Maß an Leidenschaftslosigkeit und Freiheit erreichen. Zu solcher Seligkeit ruft uns der Herr, wenn Er sagt: Seid aber vollkommen wie euer Vater vollkommen ist (Mt 5, 48). Der Mensch ist, wie wir wissen, berufen zum Tempel des Heiligen Geistes zu werden, zur Wohnstatt vollkommener Reinheit. Diese Reinheit aber drückt sich in reiner Liebe zu Gott aus. Gott hat uns nicht in eigensüchtiger Weise lieb gewonnen, sondern mit einem einzigen Ziel – um unserer Rettung willen. Wir müssen Ihn zu unserer Rettung mit reiner Liebe lieben – nur um Seiner Liebe zu uns willen.

Der heilige Prophet David zeigt uns, daß wir nicht verzweifeln müssen, als sei die Wiederherstellung der ursprünglichen Reinheit für den Menschen unmöglich, wenn er sagt:  ein reines Herz erschaffe in mir, Gott, und den rechten Geist erneuere in meinem Innern  (Ps 50, 12). Die Reinheit wird durch gründlichste Demut erreicht. Gott wünscht, daß der Mensch einen zerknirschten Geist habe und ein zerknirschtes und demütiges Herz  (Ps 50, 19). Wenn eine solche Gesinnung den Menschen ergreift und in ihm herrscht, selbst in den geheimsten, unsichtbaren Regungen den Herzens, dann erlangt er auf geheimnisvolle Weise den Geist der Freiheit und die Erlassung der Sünden.

Für diejenigen, die die ursprüngliche Reinheit wiederhergestellt haben, betet der Herr: Vater, Ich will, daß die, die Du Mir gegeben hast, auch dort bei Mir seien, wo Ich bin  (Jo 17, 24). Das Mit-Christus-Sein ist das Ziel unseres Fastens, unserer Demut, unserer Reinigung, unserer Buße. Um dieses Ziel jedoch zu erreichen, ist es unabdingbar, daß wir im Glauben eins sind. Deshalb hat die Heilige Kirche für den ersten Sonntag der Großen Fastenzeit das Fest der Orthodoxie eingerichtet, um zu betonen, daß nur die Eine Apostolische Kirche uns retten kann. Die Einheit unseres Glaubens hängt vom Erkennen Christi ab, denn alle, die Christus nicht erkannt haben, haben sich von Ihm entfernt und bedürfen der Wiedervereinigung mit Ihm, um gemeinsam mit den Gläubigen heranzuwachsen zum vollen Maß der Fülle Christi.

Der Herr gab uns Propheten, Apostel, Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, wie der heilige Apostel Paulus spricht, damit wir zugerüstet werden zum Werk des Dienstes, auf daß erbaut werde der Leib Christi, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi  (Eph 4, 13). Darum, liebe Brüder und Schwestern, beten wir, nachdem wir das Fasten begonnen und die erste Woche vollbracht haben. Wir begehen das Fest der Orthodoxie – den Sieg der Reinheit des Glaubens über jegliche falsche Lehre, innere wie äußere, persönliche oder gesellschaftliche. Unsere Kraft liegt in unserem Glauben, in Christus Jesus, in Dessen Leib wir gerettet werden. Amen.

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