AUS DEM LEBEN DER DIöZESE  
Pilgerfahrt nach Lienz  

Am Donnerstag, den 14. Juni, leitete Erzbischof Mark die Pilgerfahrt nach Lienz zur Stätte der Ermordung der Kosaken, die sich 1945 der Zwangsauslieferung an die Sowjetmacht widersetzten. Der Bus mit den Pilgern fuhr um 6 Uhr morgens von der Kathedralkirche der hll. Neomärtyrer und Bekenner und des hl. Nikolaus in München ab. Das Wetter war kalt und regnerisch, der Ferienverkehr war mäßig, so daß die Pilger ohne Verzögerungen Lienz erreichten. Auf dem Wege konnte man die schneebedeckten Alpengipfel auf dunklem Wolkenhintergrund bewundern. Unterwegs berichtete ein Münchner Gemeindemitglied über die Vorgeschichte zu der Tragödie der Kosaken und über das Ereignis selbst, das der britischen Armee für immer als Schandfleck anhaften wird. Erzbischof Mark rief alle auf, sich darüber klar zu werden, wie leicht der Mensch zu einem Tier wird, das fähig ist, wehrlose Menschen, einschließlich Frauen und Kindern zu töten, wenn er den Weg des Evangeliums verläßt, und sei es auch nur, daß er das Gebot mißachtet, dem anderen nicht zuzufügen, was er für sich selbst nicht will.
In Lienz wurden die Pilger von der Morgenfrische mit Sonnenschein empfangen. Die kleine dem Hl. Antonius geweihte katholische Kirche war bereits für die Totengedenkliturgie vorbereitet. Gläubige unserer Salzburger Gemeinde hatten sich darum gekümmert. Die Wanderikonostase, die in dieser Kirche aufbewahrt wird, sowie einige Ikonen verwandelten das barocke Innere der Kirche auf wunderbare Weise. Am Vortag hatte ein Abendgottesdienst stattgefunden und bei der Ankunft der Pilger war die Proskomedie bereits im Gange. Der Gottesdienst begann mit dem feierlichen Empfang des Hierarchen und seiner Bekleidung in der Mitte der Kirche. Erzbischof Mark stand der Liturgie vor. Es konzelebrierten: Bischof Agapit von Stuttgart, die Erzpriester Vassilij Foncenkov (Salzburg) und Nikolai Artemoff, der Diakon der Kathedralkirche Aleksandr Koval’. Mehrere Ministranten, sowohl Erwachsene als auch ganz kleine, assistierten. Ein kleiner Chor sang in ruhiger, gesammelter Art und Weise. So entfaltete sich das feierliche Pontifikalamt mit zwei Hierarchen und zahlreichen Mitbetenden im Altar und im kleinen Kirchenraum, der sich geweitet zu haben schien, so als wären die Wände zurückgetreten, um dem göttlichen Dienst Platz zu geben.

In seiner Ansprache am Ende der Liturgie wies Erzbischof Mark auf die Bedeutung der Evangeliumslesung dieses Tages für einen jeden orthodoxen Gläubigen, die davon handelte, wie Christus auf das Flehen der Jünger, die den Sturm fürchteten, Wind und Meer in ihre Schranken wies und eine große Stille ward (Mt 8, 26). Unsere Brüder und Schwestern, derer wir hier heute gedenken, sagte Vladyka, erlebten einen entsetzlichen Sturm, sowohl einen äußeren als auch einen inneren. Dieser Sturm brach in ihr Leben hinein und setzte ihrem irdischen Dasein ein jähes Ende. Aber gefährliche Stürme, wenn nicht äußere, so auf jeden Fall innere, erlebt der Christ in seinem Leben oftmals, und wenn er aufmerksam lebt, dann sogar mehrmals am Tag. Hierbei ist es wichtig, dem Kleinglauben und der Angst nicht nachzugeben, sondern den Herrn im Gebet um Hilfe anzuflehen. So erwirbt man Erfahrung des Betens und Freimut im Gebet, was den Menschen mit Gott vereint.
Nach der Liturgie fuhr der Bus aus der Stadt hinaus zum “Kosakenfriedhof”. Der kleine Friedhof liegt unmittelbar an der reißenden und tiefen Strömung der Drau. In ihre trübgrünen Wasser stürzten sich die Menschen mit der letzten Hoffnung – entweder sich zu retten oder zu ertrinken, aber in jedem Fall den Henkern Stalins zu entrinnen. Die Engländer schossen auf die Fliehenden... Auf den Friedhof schaut der Pantokrator-Christus streng aus einem verglast-metallischen Ikonenkasten. Am Gedenk-obelisk mit der Dornenkrone und dem orthodoxen Kreuz an der Spitze wurde unten ein ein Kranz niedergelegt und an den meist namenlosen, mit frischen Blumen geschmückten Gräbern wurde hier eine Panichida gehalten. Am Friedhofsgatter stand die ganze Zeit, während die lieblichen und traurigen Gedenkmelodien erklangen, eine Gruppe sehr alter Leute. Sie verfolgten das Geschehen aufmerksam. Unter ihnen waren, wie sich später herausstellte, zwei Engländer und ein Austro-Amerikaner.
LIENZ. Panichida. Es zelebrieren: Erzbischof Mark, die Erzpriester Vasilij Foncenkov und Nikolai Artemoff, Diakon Aleksandr Koval'

Im Restaurant in der Stadt, in dem die Organisatoren der Pilgerfahrt Fastenessen bestellt hatten, teilten diese Veteranen der allierten Streitmächte ihre Erinnerungen an die damalige Zeit mit einigen der Pilger... Zuvor hatten einige Pilger es geschafft, während die anderen gedankenversunken auf die Wasser des Flusses schauten und die umliegenden Berge bewunderten noch den riesigen Gedenkstein für den Atamanen Pjotr Krasnov und Generalleutnant Helmuth von Pannwitz, den die Freunde der Kosaken vom Plöckenpaß hierhergebracht haben, über den die Kosaken im Schneesturm die Alpen überwanden und schließlich nach Lienz kamen.

Generalleutnant Helmuth von Pannwitz ist ein erschütterndes Beispiel der Liebe eines Deutschen zu den Russen. Er wurde an der Spitze von deutschen Offizieren abkommandiert zur Kontrolle der Kosaken, denen Hitler nicht traute, aber der General gewann die Kosaken und die Russen so lieb, daß er selbst Russisch lernte, von seinen Offizieren verlangte, sie sollten mehr als 500 Worte Russisch können, und schließlich die Kosaken auf ihrem Weg bis in den Tod begleitete. Als der Krieg vorüber war, entband H. von Pannwitz seine Offiziere von ihrer Dienstpflicht, indem er sagte, sie hätten ihren Treueeid erfüllt und könnten jetzt nach Hause gehen. Was ihn selbst betraf, so sagte er: “Solange das Schicksal unserer Freunde, der Kosaken, ungewiß ist, halte ich es für meine Pflicht, bei ihnen zu bleiben”. Nach diesen Worten schlossen sich die deutschen Offiziere ihrem Kommandierenden an, und wenig später teilten sie das Los der Kosaken, die am Leben geblieben waren, in Stalins GULag.

H. von Pannwitz wurde in Moskau, gemeinsam mit den Kosaken-Atamanen P. Krasnov, S. Krasnov, A. Skuro, T. Domanov der Prozeß gemacht, und er wurde mit ihnen im Hof des berüchtigten Lubjanka-Gefängnisses gehängt. Die in Rußland in den 90-er Jahren neugegründeten Kosakenvereinigungen junger Kosakennachfahren stellen jetzt die Frage nach der Unrechtmäßigkeit dieses Prozesses, da ja diese Atamanen (außer T. Domanov) niemals sowjetische Staatsbürger gewesen waren. Im Haftbefehl hieß es denn auch (eine ungewöhnliche Formulierung!): “außerhalb von Staatsbürgerschaft”. Sie konnten daher nicht des Hochverrats angeklagt werden. In der Tat haben sie sich weder von ihrem Treueeid an den Zaren losgesagt, noch das Vaterland, noch den orthodoxen Glauben verraten. Und was soll man dann von der Treue des Deutschen, Helmuth von Pannwitz sagen?

Die Atamanen wurden getäuscht und überliefert: Nachdem die Kosaken ihre Waffen freiwillig abgeliefert hatten, fuhren die Engländer die Kosakenführer, zusammen mit von Pannwitz, scheinbar zu Verhandlungen über die Zukunft der Kosaken, denen man verschiedene Möglichkeiten in Aussicht stellte - Fischfang, Bewachung von Landesgrenzen. Auf die Frage, ob die Möglichkeit einer Auslieferung an die Sowjets bestehe, versicherte ein britischer Militärvertreter: “Meine Herren, bleiben Sie ruhig. Bis jetzt hat es noch nie den Fall gegeben, daß Kriegsgefangene, die unter der Obhut der britischen Krone stehen, an einen anderen Staat ausgeliefert worden wären”.

Auf der Brücke in Judenburg, die die Demarkationslinie zwischen der britischen und der sowjetischen Besatzungszone bildete, wurden sie schon von Sowjetsoldaten mit Maschinenpistolen erwartet. So wurden die Kosakenführer und der deutsche General, der ihr Schicksal teilte, als erste ausgeliefert. Hier und später übergaben die Engländer die Kosaken in die Hände des stalinschen NKWD mit mathematischer Präzision, Kopf für Kopf, nicht nur die Lebendigen, sondern auch die Toten - die, die Selbstmord begangen hatten oder getötet worden waren.

“Hauptverwaltung der Gegenaufklärung «SMERS», 8. Juni 1945, Nr. 751/A [...] An den Genossen L. P. BERIJA, Hiermit wird mitgeteilt, daß Ende Mai d. J. auf dem Gebiet Österreichs durch die Engländer 20 Weißgardisten, Leiter der Weißkosakentums an das sowjetische Kommando übergeben, dann von uns verhaftet und in die Hauptverwaltung des «SMERS» überstellt wurden [...] Zu den Verhafteten zählen: Der Kavalleriegeneral KRASNOV Petr Nikolaevic, geb. 1869 in Petersburg, in den Jahren des Bürgerkrieges Ataman des Heeres vom Don, Weißemigrant. [...] Der Generalmajor der Weißen Armee KRASNOV Semen Nikolaevic, geb. 1893 im Kreis Choperskij, ehem. Don-Gebiet, Weißemigrant, Neffe des KRASNOV P.N. [...] Generalleutnant SKURO Andrej Grigorjevic, geb. 1887 in Stanica Paskovskaja, ehem. Kuban-Gebiet, kommandierte in den Jahren des Bürgerkrieges das Kubanische Kosakenkorps der Weißen Armee , Weißemigrant. [...] Generalmajor der Weißen Armee SULTAN-GIREJ Klyc, geb. 1880 im Rajon Majkop, ehem. Kuban-Gebiet, in den Jahren des Bürgerkrieges Kommandeur der «DIKOJ DIVISION» der Weißen Armee, Weißemigrant. [...]” (s. Archivaufnahmen im russischen Film “Das Ende der Weißen Atamanen”).

Im Kosakenlager in Lienz wußte man von alldem nichts. So begann die Tragödie der gewaltsamen Auslieferungen. Die ungefähre Anzahl der Opfer in Lienz und an der Drau: 37 Generale, 2.605 Offiziere, 29.000 Kosaken. Die Ereignisse werden Schritt für Schritt im Buch des Grafen Nikolai Tolstoy “Die Verratenen von Jalta, Englands Schuld vor der Geschichte”, München-Wien 1978 nachgezeichnet, das bald darauf und lange vor der Wende durch A. Solshenizyn auch in Russisch publiziert wurde.

Den Totengottesdienst auf dem Kosakenfriedhof verfolgten auch zwei Engländer mit, ehemalige Freiwillige, Offiziere des Britischen Roten Kreuzes: John Marley und Dennis Connolly. Im privaten Gespräch erzählten sie ihre Eindrücke aus jener Zeit bezüglich der tragischen Ereignisse, die Anlaß des Gedenkens waren. Sie hatten die Zwangsauslieferungen nicht selbst erlebt, sahen aber, was im Umfeld geschah. Als die Gewaltanwendung gegen die wehrlosen Kosaken bekannt wurde, versuchte das Britische Rote Kreuz, die Vorgänge zur Sprache zu bringen und drohte sogar mit völligem Rückzug aus Österreich. Die beiden Engländer sind der Auffassung, daß solche Auslieferungen nicht zuletzt infolge der Berichte des Roten Kreuzes eingestellt wurden, - für viele-viele Opfer leider viel zu spät.

D. Connolly, der zwei Tage vor der Auslieferung vom 23. Mai 1945 in Klagenfurt eingetroffen war, erzählte, wie ein angetrunkener britischer Major sich ihm anvertraute, er habe Befehl 20 Personen zu verhaften, und eine Liste zeigte, in der “sehr leicht viele ukrainische, slwische Familiennamen zu erkennen waren”. Dieser Major war aufgebracht, daß er, der er so lange gegen das Gestapo-Regime gekämpft hatte, nun diese Menschen mit vergleichbaren Methoden verhaften sollte. Connolly teilte seinen Vorgesetzten in London die Vorgänge mit, sieht aber jetzt, daß dies viel zu wenig war: “Jetzt bin ich älter und erfahrener. Ich konnte ihn problemlos betrunken machen, die Liste abschreiben, diese Menschen finden und warnen, damit sie sich durch Flucht retten könnten. Ich konnte auch unsere Vorgesetzten in Klagenfurt informieren, darauf bestehen... Ich habe das nicht getan. Ich fühle mich schuldig am Tod dieser Menschen”.

Ja, viele der britischen Soldaten verstanden die “hohe Politik” nicht, und gemäß verschiedenster Zeugenaussagen riefen die für sie nicht nachvollziehbaren Befehle Verwirrung hervor, sodaß manche Soldaten bei ihrer Durchführung aus Mitleid weinten. Die Offiziere und Soldaten, die an den Auslieferungen beteiligt waren, taten dies, von wenigen Ausnahmen abgesehen, gegen ihren Willen und litten an Gewissensbissen. Aber in der Praxis gab es durchaus auch Grausamkeit: Man riß die Menschen, die - als große Menge versammelt - sich aneinanderklammerten, brutal auseinander, schlug mit Militärspaten auf sie ein, stach sie sogar mit Bajonetten, und warf sie auf die Lastwagen... Manche Kosaken wiederum versuchten zu flüchten, ganze Familien stürzten sich in die stürmische Drau. Auf die davonschwimmenden wurde geschossen, die angeschwemmten Leichen aber angelte man aus dem Wasser und händigte sie ebenfalls dem sowjetischen Militär aus. (Es mag sich die Frage stellen nach dem kirchlichen Gedenken für diejenigen, die bei diesen Ereignissen den Freitod in Kauf nahmen, sei es absichtlich oder dadurch, daß sie sich einem zu großen Risiko aussetzten. Damals verwies Metropolit Anastasij, der Ersthierarch der Russischen Auslandskirche, auf bekannte Fälle aus der Kirchengeschichte (u.a auch bei Eusebios, 4. Jh.): Christinnen stürzten sich aus Fenstern und von Dächern stürzten, um sich im letzten Augenblick einer Schändung durch die Heiden zu entziehen. Vladyka Anastasij erinnerte daran, daß die Kirche diese Handlungsweise nicht verurteilt hatte, und gestattete das Totengedenken auch im vorliegenden Fall für die Menschen, die sich einer Schändung an Leib und Seele seitens des antichristlichen und gottesfeindlichen Stalin-Regimes).

Aufgrund der grauenvollen Vorkommnisse während der Auslieferungen veränderte sich allmählich die Einstellung der britischen Militärführung - leider viel zu langsam. Stalin hatte zu dem Zeitpunkt in der Hauptsache schon erhalten, was er wollte. Schließlich wurden die Angehörigen des Roten Kreuzes angewiesen, sofort Mitteilung zu machen, wenn sie davon hören, daß irgendjemand gegen seinen Willen in ein anderes Land verbracht werden soll. So gelang es John Marley, die Auslieferung eines gesamten Waisenhauses an die jugoslawischen Kommunisten zu verhindern, aber das war im Jahre 1946.

Dieser unserer Begegnung wohnte auch Prof. Ernst Florian Winter, der Sohn des Vize-Bürgermeisters von Wien, der sofort nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland gezwungen war, mit der gesamten Familie in die USA zu fliehen. E. Winter, der jetzt bei Lienz lebt, trat als junger Mann der US-Army bei, nahm an der Invasion in der Mormandie teil und war der erste Austro-Amerikaner, der am 4.Mai 1945 in Salzburg einmaschierte. Auf Befehl seiner Vorgesetzten kam er während der Auslieferung durch Lienz, hörte aber nur Gerüchte. Obwohl er ein Geheimdienstoffizier der Amerikaner war, gelang es ihm nicht, von den Engländern nähere Information zu bekommen. Die Operation zugunsten Stalins, bei der Zehntausende gläubiger orthodoxer Menschen familienweise und mit Säuglingen überlieferte, wurde streng geheim gehalten.

Die mündliche Tradition vor Ort bewahrte nicht nur Berichte darüber, wie Kosakenfamilien, um nicht in die Hände der Gottlosen zu geraten, kollektiven Selbstmord begingen (sie umbanden sich, zum Beispiel, mit Zaumzeug ihrer Pferde und ertränkten sich gemeinsam in der Drau), sondern auch darüber, daß in den dichten Büschen später zwei dort verborgene Säuglinge aufgefunden wurden, denen ihre Namen mit Zetteln angeheftet waren. Diese zwei Mädchen sind, wie man sagt, in Österreich großgezogen worden, und eines davon soll heute noch in Deutschland leben. “Sie haben die Säuglinge Gott anvertraut, dem Gott der die Kleinen behütet...”, sagt ein Ansässiger mit tiefer Rührung.
TIMAU. Einwohner von Timau, im Hintergrund die Kirche

Nicht immer gibt die mündliche Überlieferung alle Details der Fakten genau wieder, aber das Eigentliche bewahrt sie doch. So wurde im “Boten” vor zwei Jahren anläßlich der Pilgerfahrt nach Lienz über die Kirche in Timau berichtet, die das Andenken des Auszugs der Kosaken aus dem Gebiet von Friaul in Norditalien bewahrt. Damals hatten die Pilger, die von dieser mündlichen Überlieferung motiviert wurden, sich in das Dorf Timau jenseits der Alpen zu begeben, keinen Fotoapparat und nur wenig Zeit. In diesem Jahr machten sich, wie schon damals drei Teilnehmer der Pilgerfahrt nach den Gottesdiensten in Lienz mit Vater Nikolai Artemoff auf den Weg, den die Kosaken gekommen waren. Jetzt konnte man die Berge und das Tal um Timau fotografieren. Die Berge waren in graue Schwaden gehüllt, umso leichter war es, sich wenigstens annähernd die damaligen Unbillen des Wetters vorzustellen, von denen im Film “Das Ende der letzten Atamanen” die Zeitzeugin Evgenija Borisovna Pol’skaja berichtet. Es war ein nächtlicher Zug von Abertausenden (die Zahl 70.000 taucht immer wieder auf), die meisten zu Fuß, im Schneesturm und ohne Licht (wegen des Beschusses durch Partisanen und möglichen Bombardierungen). Die Pferdewagen fuhren aufeinander auf, verletzten die Pferde. Man ging in engen Schluchten, wo sich plötzliche Steilhänge und Abgründe öffneten. Das Wiehern der Pferde, Aufschreie und Schluchzen von Frauen, die vom Tode ihres verwundeten Bruders oder Gatten erfuhren... das Stöhnen und Schreien von Schwangeren, die ein wenig abseits vom Weg in den Wehen lagen... So vollzog sich der Exodus aus Norditalien, wo die Kosaken - mitten unter den Italienern - hoffnungsvoll ihr traditionelles Leben zu führen begonnen hatten. Die älteren Einwohner von Timau erinnern sich gern an die kurze, gemeinsame Zeit mit den Kosaken, über die nicht ein schlechtes Wort fällt. Freundschaftlich hatte man diese Monate, etwas über ein halbes Jahr in der schweren Kriegszeit miteinander verbracht. Im übrigen war man in dieser Grenzregion Kriegsleid und Entbehrung gewöhnt. Schon im ersten Weltkrieg hatte man einiges erlebt. Davon zeugt das örtliche Kriegsmuseum.
Blick auf TIMAU von der Paßstraße her – das Dorf liegt im Tal in der Mitte des Bildes

Die Erinnerungen an die Kosaken sind hier eng mit dem katholischen Geistlichen Vico Morassi verbunden. Er stammte aus Cercivento, wo ebenfalls Kosaken lebten, und wurde unmittelbar vor deren Auszug Priester von Timau. Ihm hinterließen die Kosaken einen Teil ihrer Kasse. Wie sein Vetter, Antonio die Vora berichtet, der in einem malerischen Häuschen an einem Bergbach im oberen Cercivento lebt, haben die Kosaken einen Koffer voll italienischem Geld hinterlassen. Bis zum heutigen Tag weiß man in Österreich, daß selbst in der chaotischen Nachkriegszeit die Kosaken ehrlich zahlten, z. B. für die Benutzung von Weideland. Italienisches Geld brauchten die Kosaken bei ihrem Auszug nicht mehr. Der Volksmund sagt, daß die Kosken dem Pater erklärten: “Wenn wir am Leben bleiben, sehen wir uns wieder. Wenn wir aber untergehen, dann baut von dem Geld eine Kirche und betet für uns zur Allerheiligsten Gottesgebärerin”.
«Wenn wir am Leben bleiben, sehen wir uns wieder. Wenn wir zugrundegehen, baut von dem Geld eine Kirche und betet für uns zur Allerheiligsten Gottesgebärerin»

Ob dies wörtlich so vor sich ging, mag offen bleiben. Jedenfalls ist im Gotteshaus mit dem riesigen Kruzifix (der Balken hat 1 m Durchmesser!) eine Krypta unter dem Altar, die Pre Vico Morassi gewidmet ist und am Eingang steht seine Büste. An der Wand der Krypta hängt das Wappen des XV. Kosaken- Kavalleriekorps, zum Gedenken dort angebracht im Juni 1989. Als Vico Morassi von dem tragischen Ende der Kosaken in Lienz hörte, begann er tatsächlich mit dem Bau der Kirche, womit er in der schweren Nachkriegszeit das notleidende Volk mit Arbeit und Brot versorgte. Die Einwohner erzählen davon, wie ein Trompeter die Bergbewohner zur Arbeit versammelte, wie alle Steine, Sand und sonstiges Baumaterial herbeischleppten. Es war ein innerer Aufbruch, der ihre Gemeinschaft mit den Kosaken fortsetzte und zugleich besiegelte. Die Alteingesessenen scherzen heute: “Grande fede - grande chiesa!” (Großer Glaube - große Kirche), das ist die dritte und weitaus größte Kirche in Timau! Aber der Kirchenbau war ja anfangs wesentlich weniger grandios, erst später wuchs die Kirche zu den heutigen Ausmaßen, erhielt - wie man behauptet - der Welt größtes Holzkruzifix... Aus grauem, hier vorzufindendem Stein gemauert, erhebt sie sich mitten im Dorf wie ein Widerhall der umliegenden Berge und steht jenseits jeglicher Proportion zu dem Dorf, das gerade einmal 500 Einwohner zählt.
In Cercivento lebt Gino de Conti. Dieser schildert Nummer für Nummer unter dem Titel “Elegie zweier unglücklicher Völker” im örtlichen Gjornâl dal Circul Culturâl di Ciurciuvint “La Dalbide” seine Erinnerungen an die Begegnung mit den Kosaken. Damals war Gino 16 Jahre alt. Er lehrte den Kavalleriehauptmann Ivan Petrosvili Italienisch und lernte bei ihm selbst ein wenig Russisch. Nach dem Krieg erhielt er auf seine beständigen Anfragen über das Schicksal Petrosvilis von der Sowjetbotschaft in Rom schließlich die Antwort, dieser sei “spurlos verschwunden wie Millionen anderer Menschen im Zweiten Weltkrieg”.
Gedenktafel: Wappen der XV. Kosaken-Kavallerie-Korps

De Conti erinnert sich, wie die Kosaken am Fest Maria Schutz (Pokrov) Mitte Oktober 1944 eintrafen in dieses erstaunliche halb-unabhängige Friaul mit seinen ureigenen Traditionen eines Bergvolkes. Kaukasier waren auch unter den Kosaken - Muslime. So fand in der Schule von Cercivento das mohammedanische Freitagsgebet statt, während an den Sonntagen und orthodoxen Feiertagen dort der orthodoxe Priester, der im Dorf wohnte, die Gottesdienste hielt. Unweit von Timau, erzählt Da Conti, werden in einer katholischen Kirche bis heute noch der Diskos und der Kelch aufbewahrt, die einem orthodoxen Priester gehörten, der dort mit den Kosaken die Liturgie feierte.

Wenig mehr als ein halbes Jahr verbrachten die Kosaken im Norden Italiens, erstaunten mit ihrer Lebensweise die Friaulaner. Sie erhielten die Erlaubnis “Ostarbeiterinnen” zu heiraten. Die Alteingesessenen erzählen gern, wie die Russen unerträglichen Wodka in unerträglichen Mengen tranken und gemeinsam mit den Italienern tanzten. “Meine Oma war bei einer solchen Hochzeit”, berichtete der Busfahrer, der uns nach Cercivento leitete. In den kleinen Städtchen am Fuß der Alpen strömte das russische, orthodoxe Leben wie ein stürmischer Gebirgsbach. Die Familien wuchsen, Zeitschriften wurden herausgegeben, Schulen wurden eröffnet, auch eine Militärschule für den Kosakennachwuchs, man plante schon ein Kulturinstitut für junge Mädchen. Aber der Traum von einem geordnetem und frommen Leben am neuen Ort unter dem freundschaftlich gesinnten Alpenvolk, dessen Sprache Italienisch und Alpendeutsch vereint. Zum Anfang Mai war die Lage für die Kosaken hochgefährlich geworden und sie mußten in drei Tagen die Gegend verlassen. Am 4. Mai zogen sie los. Eine Woche später waren sie in Lienz, schlugen ihr Lager an der Drau auf. Jetzt ist an diesem Ort der Friedhof, steht der Obelisk mit der Dornenkrone.

Als man die Kosaken auslieferte, standen dieselben Priester, die wenige Monate zuvor glückliche Paare trauten, diesem tief gläubigen orthodoxen Volk vor, das am Draufluß, während des Verrats und dem Gemetzel, seine letzten gemeinsamen Gebetsgesänge anstimmte...

An diesem Ort sangen die Pilger des Jahres 2001, wie in den vorangegangenen Jahren, für ihre Brüder und Schwestern, die im Herzen das Bild des Rußlands Christi trugen, - “ewiges Gedenken...”.

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